Antisowjetisch. Antiwestlich. Prorussisch.
Ein Titan geht. Für Alexander Solženicyn ist dieses Wort nicht zu pathetisch, denn wohl kaum lässt sich eine Person finden, die in der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts eine vergleichbare Stellung einnahm. Zugleich gibt es wohl kaum einen Menschen, dessen individeller politischer Beitrag zum Sturz des kommunistischen Systems größer war, als der von Solženicyn, auch wenn gelegentlich Ronald Reagan oder gar Johannes Paul II. zu solchen hochstilisiert werden. In Wahrheit war die "im Felde unbesiegte" Sowjetunion weder an den Drohgebärden Ronald Reagans noch an der Papstverehrung im Ostblock-Peripheriestaat Polen zerbrochen. Den eigentlichen moralischen Todesstoss versetzte ihr Alexander Solženicyn mit seinen Romanen "Ein Tag im Leben von Ivan Denisovič" und "Der Archipel Gulag". Auch wenn der Tod danach nicht sofort eingetreten ist, war dem kommunistischen System eine Giftportion sondergleichen verabreicht worden, die langsam aber stetig wirkte und sie von ihnen zersetzte. Die durch Solženicyn angesägten moralischen Tragsäulen waren denn auch dafür verantwortlich, dass die UdSSR ab 1985 von innen heraus implodierte - mit all den positiven und negativen Konsequenzen bis heute.Anfangs ein willkommenes Werkzeug in den Händen des Westens, nahm Solženicyn jedoch dann aus westlicher Sicht eine sonderbare Entwicklung, die sich so gar nicht in die Verhaltensmuster handelsüblicher Lakaien-Dissidenten wie Bukovsky oder Bonner einreihen wollte. Solženicyn war weit davon entfernt, die westliche Lebensweise zu vergöttern. Er offenbarte stattdessen eine sehr heimatverbundene, patriotische und konservative Ader, die stark an Dostoevsky, aber auch an die Weißgardisten erinnerte.Nach seiner Rückkehr ins Jelzin'sche Russland des moralischen Verfalls und des Raubkapitalismus war Solženicyn trotz seiner Verdienste um die Auseinandernahme der alten SU, schnell zu unpassend und zu unbequem geworden. Auch das Jelzin Solženicyn 1998 mit einem Staatspreis ehren wollte, was dieser empört ablehnte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die prowestlich-liberale Clique an der Spitze des Staates und der Wirtschaft einen Prediger der Rückbesinnung auf urrussische Tugenden á la Dostoevsky nicht gebrauchen konnte und als einen Anachronismus verstand.Erst unter Vladimir Putin ist Solženicyn wieder zu den Ehren gekommen, die ihm gebührten. Nicht nur, dass der Präsident den gebrechlichen alten Giganten mehrfach mit großem Respekt in dessen Haus bei Moskau besuchte. Auch in seinen Staatsreden griff er explizit Solženicyns Aussagen auf, wonach die "nationale Idee", nach der Russland derzeit so verzweifelt sucht, in der "Bewahrung des Volkes" - moralisch und physisch - liege. Wer Russlands Niedergang in der postsowjetischen Periode kennt, wird diese Worte in all ihrer Tragweite verstehen. Solženicyns demonstrierte zugleich seinen Respekt für Putin, der mit entschlossenem Handeln zur Stärkung und Stabilisierung des sich zuvor im freien Fall befundenen Landes beitrug.Solženicyns Harmonie mit Putin sorgte indes im Westen für Irritationen. Wie könne es sein, dass ein ehemaliges Gulag-Opfer für einen "KGB-Offizier" schwärmt? Dass er das westliche Modell der hohlen Konsumgesellschaft ablehnt? Dies sei wohl nur durch die im Alter einsetzende Senilität und Anpassungsunfähigkeit an die Moderne zu erklären. Doch im SPIEGEL-Interview, das der 88-jährige Solženicyn im Jahr 2007 noch gab, nahm er höchst geistesgegenwärtig und treffend zu diesen "Anschuldigungen" Stellung. Dies bewahrte ihn dennoch nicht davor, dass er dem Westen als ein halber Verräter im Gedächtnis bleiben wird und vor allem die eindimensionalen Amerikaner mit Kommentaren wie "Solženicyns beflecktes Vermächtnis" ihm ins noch frische Grab spucken. Andererseits müsste man sich als russischer Patriot aber auch Sorgen machen, wenn einen die Amerikaner zu sehr loben.
Kommentar hinzufügen