Das feige Nachtreten der Überführten

Vergangene Woche jährte sich zum ersten Mal der Krieg in Südossetien. Der dritte, müsste man der Genauigkeit wegen sagen, denn schon 1920 und 1992 führte Georgien einen Vernichtungs- und Assimilierungskrieg gegen den kleinen Landstrich.Ein Jahr danach hat sich sowohl unter den Experten, als auch in der Medienwelt rumgesprochen, dass die Agression tatsächlich von Georgien ausging - das, was damals im Angesicht rollender russischer Panzer liebend gern unter den Tisch fallen gelassen wurde. Ebenso 'Common Knowlegde' ist mittlerweile, dass russische Friedenstruppen, trotz des Schutzes von allen erdenklichen Konventionen Opfer der georgischen Angriffs geworden sind, was eine Reaktion des betroffenen Landes rechtlich legitimiert. Dennoch hat die Berichterstattung auch heute noch, als vieles klar geworden ist, einen fauligen Nachgeschmack von feigem Nachtreten gegen Russland.So erzählt der ZDF-Reporter Roland Strumpf in seinem Beitrag vom 08.08.09 über den Jahrestag des Krieges davon, wie betroffen alle Beteiligten bis auf Moskau sind, das den Krieg dazu ausgenutzt habe, militärische Stärke zu zeigen und nun wieder "die Faust ballt". Medwedews Worte, dass niemand Georgien wiederaufrüsten sollte, da es sich ermutigt fühlen werde, neue Kriegsabenteuer zu suchen, deutete der ZDF-Propagandist eigenwillig um: Moskau droht und rasselt mit dem Säbel. So kann man es auch hindrehen... Und auch wenn im Beitrag eine gewisse Sympathie für die ossetischen Opfer mitschwingt: die Redaktion hat wohl vorgegeben, die Opfer stilistisch unbedingt von den Russen zu trennen, als ob sie nicht einzig und allein den Russen ihre Freiheit und Existenz verdanken, während der Westen feige wegschaute und Lügen erzählte.Zynischer ist nur noch die ARD. Hier gab es einen Beitrag darüber, wie arm die Südosseten weiterhin sind und dass Zchinwali noch immer nicht wiederaufgebaut ist. Nach Lesart der ARD wird es wohl erst dann sein, wenn 100% der Ruinen durch neueste Häuser ersetzt sind. Und das hätte gefälligst schon bis jetzt geschehen sein müssen. Ansonsten aber wird die ARD nie auf die Idee kommen, die gerade entstenenden neuen Wohnviertel von Zchinvali zu zeigen, wie etwa das Mikrorayon Moskovsky, das für 800 Familien neues Zuhause bieten wird, deren Häuser im georgischen Trommelfeuer niedergebombt wurden. Das Anschwärzen russischer humanitärer Hilfe findet vor dem Hintergrund ihrer völligen Abwesenheit seitens des Westens statt, obwohl mittlerweile die meisten wissen, dass die Zerstörungen in Zchinvali deutlich schlimmer waren, als etwa die in Gori. Der ganze Humanismus westlicher Gutmenschen, die sich bei jeder Gelegenheit in der Hervorhebung der eigenenen Moral und Werte sonnen, weicht der geopolitischen Logik, die man auch im alten Spruch eines US-Präsidenten wiedergeben kann: "Yes, he is a son of a bitch, but he is our son of a bitch!".Währenddessen musste der Son of a Bitch bis heute kaum einen persönlichen politischen Preis für seine Kriegsverbrechen zahlen. Auch wenn die neue US-Administration von ihm deutlich weniger begeistert ist, als das miefige Neocon-Kabinett um Bush, Rice und Cheney, kann sie ihn dennoch nicht fallen lassen, weil das einem Gesichtsverlust für die USA gleichkäme. De-facto handelten sich die USA ein weiteres Dilemma ein und müssen nun eine gute Miene zum bösen Spiel machen. Saakaschwilis vollmundige Behauptungen, dass das georgische Thema nun stets zu den Top-Punkten der amerikanisch-russischen Verhandlungsagenda zählen wird, dürfte jedoch mit Sicherheit sein leicht zu widerlegendes Wunschdenken bleiben. Auch die NATO-Ambitionen kann Saakaschwili getrost begraben, denn neben der für viele offensichtlich geworden Unzurechnungsfähigkeit des georgischen Präsidenten, scheitern diese alleine schon an der Frage, in welchen Grenzen Georgien aufgenommen werden soll. In den alten hieße, russische Militärbasen sowie südossetische und abchasische Staatswesen mitaufzunehmen, was offensichtlich absurd ist. Und soll die Aufnahme innerhalb der neuen Grenzen erfolgen, müssen diese erstmal von den Beteiligten anerkannt werden.Als Erbe des Südossetienkrieges 2008 bleibt vor allem die Zerstörung der letzten Illusionen über die Gerechtigkeitsorientierung der westlichen Politik und die Erinnerung an einen unsäglichen Propagandakrieg, in dem Fakten schamlos verdreht und verzerrt wurden. Andererseits markierte dieser Krieg eine Wende in der Politik Russlands, das sich sich im Angesicht der Agression durchrang, die westliche Meinung in den Wind zu schießen und nach seinem inneren Gerechtigkeitsempfinden zu handeln, was ein Stück wiedergewonnene Freiheit bedeutete, die der Westen bei anderen Akteuren so fürchtet und hasst. Geschadet hat es außenpolitisch dennoch nicht: sowohl das alte Europa, als auch die USA suchen nach dem Absitzen ihrer reflexartigen Empörung politisch wieder Russlands Nähe und zwar mit deutlich mehr Respekt und Nachdenklichkeit als zuvor.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Allowed HTML tags: <img> <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

Wer ist online

Zur Zeit sind 0 Benutzer und 3 Gäste online.

Suchbegrife für Internet-Seite