Das Schreien im Walde
Print versus Online – dieses Scheingefecht wird immer wieder gerne ausgefochten, wenn es den großen Zeitungsverlagen mal wieder wirtschaftlich schlecht geht. Print und Online sind dabei nur zwei unterschiedliche Distributionswege für ein und denselben Inhalt. Die Qualität eines Textes wird weder besser noch schlechter, wenn der Text auf Papier gedruckt ist. In diesem Scheingefecht geht es daher auch meist nicht um das Medium selbst, sondern um zwei verschiedene Aspekte. An vorderster Stelle steht der wirtschaftliche Aspekt – Zeitungen und Zeitschriften haben weltweit mit rückläufigen Auflagenzahlen zu kämpfen, die sich vor allem auf die lebenswichtigen Werbeeinnahmen auswirken. Gleichzeitig steigt die Nutzung von redaktionellen Online-Inhalten rapide. In toto werden so vom Nutzer mehr redaktionelle Texte gelesen, dafür sinken allerdings die Werbeeinahmen der Herausgeber, da Onlinewerbung wesentlich schlechter bezahlt wird als Printwerbung. Von diesem Aspekt völlig unabhängig, gibt es noch die Diskussion um unterschiedliche Konzepte des Online-Journalismus. Vor allem der Bürgerjournalismus, der oft in Form von Blogs daherkommt, ist hier ein oft genanntes Thema. Ist er eine Konkurrenz, ein Korrektiv oder eine positive Ergänzung des traditionellen Journalismus?
Äpfel und Birnen
Gemessen an den großen Online-Publikationen traditioneller Verlage ist die Reichweite von Bürgermedien kläglich – das heißt aber nicht, dass Bürgermedien irrelevant seien. Ein Artikel auf dem Spiegelfechter hat mehr Reichweite als ein Artikel in der angesehenen Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“, und dies bei ungleichen Verhältnissen. Während der Merkur sechzig Mitarbeiter hat, ist der Spiegelfechter ein Eineinhalbmann-Projekt. Auch vor ambitionierten redaktionellen Projekten wie dem Freitag muss sich das Spiegelfechter-Blog nicht verstecken - und dies bei einem Bruchteil des Budgets und der Manpower.

Der Output pro Mann ist bei Blogs also bemerkenswert, die fehlende Reichweite des gesamten Mediums ist eher darauf zurückzuführen, dass es so wenig Blogger und Bürgerjournalisten gibt. Daher ist das Medium Blog auch keine Konkurrenz für den traditionellen Journalismus – zumindest nicht, wenn es um Reichweite und Wirtschaftlichkeit geht. Wenn man sich die Reichweite von Spiegel-Online anschaut, so wirkt dagegen die Blogosphäre wie eine Randerscheinung. Im März hatte der Branchenprimus fast 120 Mio. Besucher, 4 Mio. pro Tag - eine gigantische Zahl. Die Spiegel-Gruppe beschäftigt allerdings 1.300 feste Mitarbeiter, pro Mitarbeiter hat Spiegel-Online also auch „nur“ rund 3.100 Besucher pro Tag – das ist weniger als beim Spiegelfechter. Von den Millionen Euro, die Spiegel-Online für Agenturtexte bezahlt, die eins zu eins als redaktioneller Content weitergegeben werden, ist hierbei noch nicht einmal die Rede. Der Vergleich von großen redaktionellen Medienunternehmen und der Blogosphäre ist ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen – es gibt ganz einfach zu wenige Blogger, als dass man das Medium Blog mit dem Medium redaktionell betriebenes Onlineportal vergleichen könnte. So wundert es auch kaum, dass der Bürgerjournalismus ein Nischendasein fristet.
Was ist ein Blog?
Die Euphoriewelle ist an der Blogosphäre vorbeigezogen, nun wird mit Twitter eine neue Sau durchs virtuelle Dorf getrieben. Der Umstand, dass die hippen Shaker und Mover der Republik nun zwitschern, sagt aber wenig über den Wandel im Onlinejournalismus aus. Das Verfassen eigener journalistischer Texte ist eine Disziplin, in der private Blogs und redaktionelle Onlinemedien miteinander konkurrieren – mit Twitter, Facebook, Studi-VZ und anderen „In-Medien“ hat das aber nichts zu tun. Natürlich kann man in 140 Zeichen keinen journalistischen Artikel verfassen. Twitter kannibalisiert daher auch nicht im journalistischen Teil der Blogosphäre, sondern im Kommentar- und im Verlinkungsbereich. Ein Großteil der deutschen Bloglandschaft besteht aus Link- und Metablogs, die fast ausschließlich aus – teilweise kommentierten – Verlinkungen auf andere Angebote bestehen.
Diese Funktion haben zum Teil Twitter und andere soziale Netzwerke übernommen – daraus resultiert auch die abnehmende Zahl von Verlinkungen innerhalb der Blogosphäre. Die Anzahl der Besucher ist bei Blogs, die eigene Texte publizieren, wie Feynsinn, Oeffinger Freidenker oder Weissgarnix von diesem vermeintlichen Blogsterben trotz rückläufiger Verlinkungen aus der Blogosphäre jedenfalls nicht betroffen. Autorenblogs müssen zwar nicht mit weniger Lesern leben, ein quantitatives Wachstum allerdings ist auch nicht auszumachen. Es scheint, als habe die politische Blogosphäre ihren Sättigungsgrad erreicht, weitere Impulse könnten allerdings von neuen Blogs kommen. Zumindest sind die Stimmen, die bereits unkten, dass die Blogosphäre der „Holzpresse“ den Todesstoß verpassen würde, einstweilen verstummt.
Der Grabenkampf zwischen Bloggern und Journalisten ist kindisch. Wer einen selbstverfassten Artikel über ein Thema, das öffentliche Relevanz besitzt, schreibt, ist Journalist – Punkt. Da macht es keinen Unterschied, ob der Verfasser sein Geld als festangestellter oder freischaffender Mitarbeiter eines Verlags bekommt oder seinen Artikel ehrenamtlich im eigenen Blog einstellt. Natürlich gibt es auf beiden Seiten Betonköpfe, die der anderen Seite ihre Daseinsberechtigung absprechen, aber diese großen Worte täuschen – es gibt kaum einen Blogger, dessen Außenverlinkungen nicht auch auf „klassische Medien“ gehen. Ein Blogger, der die Meinung vertritt, die „Holzpresse“ sei überflüssig und im gleichen Atemzug ebenjene „Holzpresse“ als Quelle für seine Texte nutzt, ist unglaubwürdig. Blogs und die Onlineabteilungen klassischer Medien konkurrieren nicht miteinander, sie ergänzen sich und gleichzeitig ist die Blogosphäre ein gutes Korrektiv für die klassischen Medien. Ein äquivalentes Korrektiv für die Blogosphäre lässt indes noch auf sich warten.
Die Sinnkrise der klassischen Medien hat tiefgreifende Gründe – die Finanzierung über Online-Werbung ist ein zweischneidiges Schwert. Ein hochqualitativer Artikel hat oft weniger Leser als eine Boulevardmeldung, und da man seine Einnahmen über Klicks erzielt, ist jede Klickorgie durch Bilder leicht bekleideter Starlets profitabler, als anspruchsvoller Journalismus. Die Boulevardisierung von Online-Ablegern klassischer Medien ist daher eine zwangsläufige Folge – man muss sich nur die Angebote von Spiegel-Online oder der Süddeutschen anschauen. Natürlich gibt es auch seriöse Medien, wie beispielsweise die FAZ oder die NZZ, die einen Namen zu verlieren haben und daher auch im Online-Angebot eher im Zweireiher als in Bermuda-Shorts daherkommen. Den Werbeeinnahmen wird es nicht dienen – bei den Besucherzahlen liegt die Süddeutsche klar vor der FAZ.
Wer braucht noch Papier?
Die größte Gefahr für die Verlage ist jedoch eine Kannibalisierung in den eigenen Reihen. Wer die Online-Artikel der FAZ liest, muss nicht unbedingt die Printausgabe abonnieren. Es ist allerdings auch nicht möglich, exklusive Inhalte ausschließlich in der Printausgabe unterzubringen – dafür ist die Online-Konkurrenz zu groß. Jeder Leser, der von Print zu Online wechselt, macht sich allerdings in der Kasse bemerkbar. Der entgangene Verkaufspreis der Printausgabe spielt dabei kaum eine Rolle – dieser deckt gerade einmal die Druck- und Distributionskosten. Eine Zeitung lebt nicht vom Verkaufserlös, sie lebt von den Werbeeinahmen; diese sind pro Leser im Online-Bereich allerdings spürbar geringer. So stehen die Zeitungen vor dem Paradoxon, dass ihre Artikel dank Online zwar häufiger gelesen werden, die Werbeeinnahmen allerdings rückläufig sind. Kosten sparen ist die Devise – Honorare für freie Autoren sind da meist der erste Punkt auf der Sparliste. Redaktionen werden ausgedünnt, Inhalte syndiziert und einige Blätter haben mittlerweile sogar schon die kostenintensiven Agenturticker gekündigt. Die Qualität leidet selbstverständlich unter diesen Sparmaßnahmen. Mit der Qualität sinkt die Auflage, mit der Auflage die Werbeeinahmen und durch rückläufige Werbeeinnahmen steigt der Druck, weitere Sparmaßnahmen zu ergreifen – ein Teufelskreis.
Die besten Perspektiven haben dabei wohl noch die Lokalzeitungen – trotz ihrer geringen Größe. Der lokale Supermarkt inseriert nun einmal nicht bei Spiegel-Online und es gibt auch kaum Blogger oder andere kostenlose Content-Provider, die sich um Lokalnachrichten kümmern. Hier hat die Zeitung ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Überregionale Zeitungen sind da schon in einer schlechteren Ausgangsposition – wer würde ernsthaft die WELT vermissen?
Quo vadis?
Wenn kein Wunder geschieht, wird das Monopol der klassischen Medien aber auf absehbare Zeit nicht durch unabhängige Netzmedien gebrochen werden können. Wer professionell arbeitet, muss auch bezahlt werden. Die einsamen Wölfe der Blogosphäre haben hier keine Chance, ein Stück vom Kuchen abzubekommen – viele wollen dies auch gar nicht. Um den Sättigungsgrad zu überschreiten, ist eine Professionalisierung allerdings unerlässlich – zumindest zeigt der Status Quo, dass der Umkehrschluss nicht zulässig ist. Für eine Professionalisierung ist aber neben regelmäßigen Einnahmen auch eine steigende Vernetzung vonnöten. Dies wäre beispielsweise über eine zentrale Plattform zu erreichen, die für viele Leser der Einstiegspunkt sein könnte – ein seriöses Portal für politische Blogs. Ein solches Portal umzusetzen, ist allerdings harte Arbeit und ohne Engagement und Manpower nicht zu stemmen. Bis es soweit ist, werden noch viele Bäume abgeholzt werden, um als Zeitung auf dem Frühstückstisch zu landen.
Hintergrund:
Hajo Schuhmacher: U - wie Untergang
Felix Salmon: B - wie Blog
Jens Berger
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