Der Atom-Komplex
ein Gastartikel von Daniel Reitzig
Die rote Sonne hängt etwas zusammengeknautscht herunter und pendelt im Takt der U-Bahnlinie 2. Die Fahne ruht fest in der linken Hand eines jungen Mannes. Neben ihm eine junge Frau mit einem Anstecker an der Tasche: rote Sonne, gelber Grund. Beide tragen Alpinjacken und Bergschuhe. Sie lachen. Gestern habe er am Alexanderplatz eine Gruppe Gleichgesinnter getroffen. Sie nippen an ihrem Starbucks-Kaffee-zum-Mitnehmen. Ihr Ziel ist eine Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt.Die Berichterstattung über das Geschehen in Fukushima wird bereits weniger, überlagert vom Krieg in Libyen. Die Angst in Deutschland vor den möglichen Folgen der Kernkraftnutzung ist noch da. Zwei Kernkraftwerke sind – ich betone: vorübergehend – vom Netz. Frau Dr. Merkel, Physikerin, präsentiert sich seit einer Woche als quasi-grüne Kanzlerin. Die beiden Verliebten in der U2 unterstützen die Proteste gegen die Energiepolitik und die Verlogenheit der Bundesregierung. Eigentlich aber geht es um viel mehr, als darum, in Deutschland die Atomkraftwerke abzuschalten. Es geht ums Ganze. Ums ganze System.Doch zurück zum Anfang: Warum konnte sich Atomstrom trotz der seit Jahren bekannten Risiken in Deutschland durchsetzen? Welche Bereiche des Lebens müsste eine Ablehnung der Nutzung von Kernenergie vernünftigerweise umfassen? Und wie realistisch ist das?Die meisten Menschen sehen das Bezahlen des monatlichen Abschlags für ihren Strom zuhause wohl eher als lästige Pflicht. Möglichst billig soll es sein. Dann bleibt mehr für greifbare Konsumgüter. Atomstrom wird billig angeboten. Möglich machen dies indirekte Subventionen des Staates – also finanziert von uns allen. Wenn wir für etwas bezahlen, lassen sich Handler und Hersteller – egal um welches Produkt es sich handelt – natürlich nicht nur alle Kosten erstatten, sie wollen zusätzlich einen Gewinn erzielen. Je weniger Kosten sie haben, desto höher fällt der Mehrwert aus. Im Falle des Atomstroms haben die deutschen Betreiber das Glück, nur zu einem Bruchteil an den Folgekosten möglicher radioaktiver Unfälle beteiligt zu sein. Keine Versicherung würde ein AKW gegen alle Risiken versichern. Laut Süddeutsche Zeitung müssen die AKW-Betreiber im Katastrophenfall lediglich 2,5 Milliarden Euro beisteuern. Den Rest zahlen wir. Würden die Betreibergesellschaften durch den Staat verpflichtet, vollständig für die Kosten von ihnen mitverursachter Katastrophen aufzukommen oder sich entsprechend versichern zu lassen, würde offenbar, wie teuer Atomstrom tatsächlich ist.Aber auch die Abbausituation der Rohstoffe in den Entwicklungsländern trägt zu den niedrigen Kosten und entsprechend den Milliardengewinnen der Atomindustrie bei. Menschenunwürdige Löhne, keine oder wenig Kosten für den Schutz der Arbeiter in den Uranminen. Ein Werbeslogan, den sich im täglichen Leben viele Menschen auf die Fahne geschrieben haben, wird in diesem Fall ganz sichtbar zum Leitmotiv todbringenden Handelns: Geiz ist geil?
Eigentlich ist es das Gleiche, wie bei den Lebensmitteln. Discounter boomen, billige Lebensmittel wollen die Meisten. Auf die Produktionsbedingungen und die gesundheitlichen Folgen wird weniger geachtet. Wenn nicht gerade ein weiterer Dioxin- oder Gammelfleischskandal die Agenda der Medien bestimmt. Was die Menschen beim Strom sparen – Ökostrom ist ja oft teurer, als normaler (sic!) Strom – können sie in Konsumgüter investieren. Die Smartphones, die Computer, die hippe Kleidung, das Auto, vielleicht sogar das eigene Haus am Stadtrand – all das kostet Geld und will finanziert sein.Ihr restliches Geld – oder auch Schulden und zu bedienende Zinsen – vertrauen die Meisten der Sparkasse, der Deutschen Bank und den anderen großen Geldhäusern der Republik an. Nur ein verschwindend geringer Teil der Menschen achtet darauf, was die Banken mit dem Geld eigentlich anstellen. Die meisten Finanzunternehmen investieren in gutgehende Branchen: Atomindustrie, Rüstung, Chemie und Pharma. Die Aschaffenburger Grünes Geld GmbH hat in Berlin-Mitte eine Filiale eröffnet und informiert auf ihren Seiten, was die Banken mit dem ihnen anvertrauten Geld anstellen – und welche Alternative es gibt.Die beiden Verliebten in der U2 zeigen mit Fahne und Anstecker ihre Einstellung zur Atomkraft. Vor der Demo gehen sie noch schnell zu einer Fastfoodfiliale oder einem amerikanischen Kaffe-zum-Mitnehmen-Haus. Welcher Strom treibt die Burgerbrater und Kaffeemaschinen eigentlich an? Unternehmen wollen Gewinne erwirtschaften und Kosten sparen. Was läge für sie also näher, als auf vermeintlich billigen Strom zu setzen?Konsumgüter, Luxusartikel, Fastfoodrestaurants, jederzeit online sein – auch die Menschen in den Schwellenländern sehnen sich nach dem scheinbar glitzernden Lebensstil des Westens. Dem steigenden Stromverbrauch wollen diese Länder mit dem geplanten Bau zahlloser Atomkraftwerke begegnen. Die Sicherheitsbestimmungen in diesen Ländern lassen sich übrigens kaum mit denen Deutschlands vergleichen. Ein Bericht von Spiegel Online führt als Beispiel den Bau eines Kernkraftwerkes in Brasilien an: nahe der Stadt Rio de Janeiro, mitten in einem für Erdbeben bekannten Gebiet. In dem Bericht schreiben die Autoren auch über eine Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Danach seien weltweit etwa 170 Atomkraftwerke geplant oder bereits im Bau. Das Auftragsvolumen für die deutsche Wirtschaft läge bei 628 Milliarden Euro.Sollten lokale Proteste oder andere unvorhersehbare (sic!) Entwicklungen die Gewinne der deutschen Atomindustrie zu schmälern drohen, springt ebenfalls der Steuerzahler ein: mittels der umstrittenen Hermes-Bürgschaften. Zahlungssicherheit statt Sicherheit für Menschen.Die Regierungen jener Länder, in denen Kernkraftwerke stehen oder entstehen sollen, haben noch einen weiteren Vorteil. Als Nebenprodukt fällt bei der angeblich friedlichen Nutzung von Kernkraft genügend Material ab, um Uranmunition herstellen zu können. Diese panzer- und bunkerbrechende Munition kommt nicht nur im Irak und in Afghanistan zum Einsatz, der von ihr ausgehende Uranstaub verstrahlt zusätzlich Zivilisten, Soldaten und ganze Landstriche (und somit Umwelt und Lebensmittel) auf lange Zeit. Dies führt auch zu der Frage, wie mit den Atomwaffen auf deutschem Boden umzugehen sein wird. Die Atomindustrie jedenfalls hat zahlreiche mächtige Verbündete bei den Regierungen und Militärs der Atommächte.In den letzten Tagen wurde häufig berichtet, die Bundesregierung würde Ökostrom aus Norwegen blockieren. In dem Königreich würde man aus Überzeugung sauberen Strom produzieren, der Import von Energie aus den norwegischen Wasserkraftwerken sei daher ethisch unbedenklich. Ausgerechnet der staatliche, als moralischer Riese bezeichnete, norwegische Pensionsfonds ist maßgeblich beteiligt an Tōkyō Denryoku K.K. – Tepco – dem Betreiber des AKW Fukushima. Dabei gilt der norwegische Pensionsfonds als ethisch vorbildlicher Investor.Das Problem der Nutzung von Kernkraft muss tiefer durchdrungen werden, wobei der Autor dieser Zeilen keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit proklamiert. Aber: Bei Facebook sein Profilbildchen mit dem Anti-Atomkraft-Logo auszustatten oder eine Fahne spazieren zu fahren, reicht nicht. Das ist nur Zeichen eines fragmentierten Denkens.Daniel ReitzigDaniel Reitzig bloggt auf Existenzmaximum© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2011. | Permalink | 115 Kommentare |
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