Der Holocaust und die Deutschen
ein Gastartikel von Stefan Sasse
Das Verhältnis der Deutschen zum Holocaust ist ein zwiespältiges. Es ist ein wohl weltweit einmaliger Vorgang, dass sich eine Nation so eindeutig und unmissverständlich zu einem Verbrechen bekennt, die Verantwortung auf sich nimmt und – wie unvollkommen auch immer – Wiedergutmachung dafür zu leisten versucht. Besonders in den letzten 20, 30 Jahren kommt außerdem eine massive und vergleichsweise profunde Aufarbeitung des Holocaust im breiten öffentlichen Bewusstsein hinzu. Das alles sind Leistungen, die man neidlos anerkennen muss und bei denen man etwa im Falle von Japans Kriegsverbrechen, denen der Sowjetunion oder auch der Kolonialverbrechen von England und Frankreich oder dem Umgang der USA mit der indigenen Urbevölkerung noch vergebens wartet. Gleichzeitig hat diese Aufarbeitung aber auch ihre Schattenseiten. Sie führte zu einem routinierten Betroffenheitsautomatismus, der echte Emotionen für das Thema mehr und mehr zu ersticken droht, zu Denkverboten und politischem Missbrauch. Im Folgenden soll genauer beleuchtet werden, wie die deutsche Aufarbeitung des Holocaust erfolgt ist, welche Probleme und welche Erfolge damit verknüpft sind und wie diese Entwicklung weitergetrieben werden kann.
Bereits in der Endphase der Kämpfe in Deutschland, als die amerikanischen Truppen die KZs entdeckten und befreiten (die Diskussion, ob die Alliierten bereits vorher von den KZs wussten und diese bewusst nicht früher angegriffen haben, soll hier nicht vertieft werden) beschlossen die Amerikaner, die Deutschen mit ihren Verbrechen zu konfrontieren. In Dachau wurden Bürger der Stadt festgenommen, ins KZ gebracht und herumgeführt, ehe man sie wieder nach Hause zurückschickte. Den Berichten nach waren die Menschen, die 12 Jahre lang im Schatten des ersten Konzentrationslagers gelebt hatten, schwer betroffen, einige waren zusammengebrochen, andere hatten versucht, es stoisch zu ertragen. In den Nürnberger Prozessen 1946 und dann später in den Einsatzgruppenprozessen sowie den Nürnberger Folgeprozessen wurden die Angeklagten auch mit dem Holocaust und den Massentötungen in Osteuropa konfrontiert. Breites Interesse erweckten die Alliierten damit in der deutschen Bevölkerung allerdings trotz ausführlicher Berichterstattung nicht. Dies hatte wohl zum einen damit zu tun, dass die Deutschen kein großes Interesse an einer akribischen Auflistung ihrer Verbrechen hatten, aber noch mehr wohl damit, dass das Land in Trümmern lag und das Sichern der eigenen Existenz und der Wiederaufbau Vorrang genossen.
Besonders die Amerikaner hatten sich mit der so genannten “Re-Education” (etwa: Umerziehung) das ambitionierte Ziel gesetzt, die Deutschen zu Demokraten zu machen. Dazu gehörte natürlich auch zumindest anfangs die Konfrontation mit den Verbrechen der Nazizeit, soweit sie bekannt waren. Der beginnende Kalte Krieg ab 1946 ließ es den USA jedoch notwendig erscheinen, ihre Ziele an die Prioritäten anzupassen, die eine möglichst schnelle Stabilisierung Westdeutschlands und seine Bindung an die USA, Großbritannien und Frankreich vorsahen. Re-Education wurde schnell beerdigt und durch einen Transfer amerikanischer Mainstreamkultur ersetzt, die diese Aufgabe mit großem Erfolg bewerkstelligte.
Die Machtübernahme durch Konrad Adenauer und sein bürgerliches Bündnis 1949 bedeutete einen endgültigen Schnitt mit der Vergangenheit. Die Schlussstrichmentalität war weit verbreitet, und die Bedrohung durch die Sowjetunion allgemein so stark perzeptioniert, dass gerade vor der Folie der DDR die BRD bereits vollständig auf Basis der “freiheitlich-demokratischen Grundordnung” stand. Dazu kam, dass zwar eine innenpolitische Aufarbeitung der Nazi-Zeit nicht stattfand, Deutschland jedoch außenpolitisch im Büßergewand auftrat und sich auf die Seite Israels stellte, das unilateral mit Geldern und Hilfsgütern unterstützt wurde, die als – nicht geforderte – Wiedergutmachung dienen sollten. Diese Art der Vergangenheitsbewältigung passte gut in die Schlussstrichmentalität der Deutschen, die sich durch Geldzahlungen gewissermaßen freikaufen konnten und sich nicht persönlich mit dem Thema beschäftigen mussten.
Zu Beginn der 1960er Jahre änderte sich das erstmals. In Frankfurt fanden die ersten großen rein deutschen Prozesse zum Holocaust statt, nachdem der erste Versuch einer deutschen juristischen Aufarbeitung durch das gegenseitige Ausstellen von “Persilscheinen” in den 1940er Jahren gescheitert war. In den so genannten Auschwitz-Prozessen 1963-1968, die durch die 1958 errichtete Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen möglich gemacht wurden, wurden Lagermannschaften des Vernichtungslagers Aufschwitz-Birkenau angeklagt. Dem waren monatelange, akribische Recherchen vorausgegangen, allein im ersten der drei großen Auschwitz-Prozesse wurden 360 Zeugen vernommen. Die Prozesse erhielten ein großes Medienecho, das durch Tonbandaufnahmen noch gesteigert wurde. Viele Deutsche hörten zum ersten Mal vom ganzen Ausmaß der Verbrechen, die in den KZs geschehen waren, lauschten Zeugen und Angeklagten und wurden selbst Zeuge, wie mehrmals der “Befehlsnotstand” strafmildernd wirkte. Ab diesen Prozessen war eine Relativierung des Holocaust in Deutschland deutlich schwerer möglich als je zuvor.
Die Prozesse polarisierten jedoch die Bevölkerung trotzdem in einem ungeahnten Ausmaß: die Generation der nach oder in der Endphase des Krieges Geborenen begannen, ihre eigenen Väter nach deren Vergangenheit im Krieg zu befragen. Die Haltung zum Nationalsozialismus und Holocaust gab dem Generationenstreit erst jene Schärfe, die 1967/68 in den großen Unruhen münden sollte und war lange Zündstoff für den Bruch zwischen den beiden Generationen. Trotz RAF-Terror, der sich unter anderem mit den NS-Verbrechen und ihrer mangelnden Aufarbeitung zu legitimieren versuchte, riss das Interesse auch in den 1970er Jahren nicht gänzlich ab; schon allein, weil Folgeprozesse zu den drei großen Auschwitz-Prozessen stattfanden. Trotzdem blieb die Holocaust-Aufarbeitung merkwürdig abstrakt, justiziell und deutsch-zentriert.
Dies änderte sich im Jahr 1979 radikal. Vom 22. bis 26. Januar wurde der vierteilige Fernsehfilm “Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiß” (Youtube) ausgestrahlt, der anhand einer fiktiven Familie zentrale Ereignisse des Holocaust in einer für damalige Verhältnisse drastischen Art und Weise wiedergab. Bis zu 15 Millionen Zuschauer verfolgten die Ausstrahlung, die im Dritten Programm lief, und die Diskussion war lebhaft und erzeugte einen so großen politischen Druck, dass am 29. März desselben Jahres der Bundestag beschloss, die Verjährung bei Mord aufzuheben, wenn es sich um Völkermord handelte. Die NS-Verbrecher würden damit bis an ihr Lebensende juristisch zu belangen sein, und die letzten Prozesse dieser Art erleben wir gerade in diesen Tagen, etwa im Fall von John Demjanjuk, der seinen letzten Prozesstermin voraussichtlich am 22. Dezember 2010 haben wird. 1993 folgte ein weiteres aufwühlendes Filmdokument, “Schindlers Liste”, des bekannten Blockbuster-Regisseurs Steven Spielberg.
Mitte der 1990er Jahre jedoch begann das Interesse am Holocaust langsam, aber sicher zu erlahmen. Inzwischen gehörte seine Behandlung zum Standardprogramm an staatlichen Schulen, das oftmals erstmalig in der vierten Grundschulklasse angeschnitten wird (etwa über Anne Franks Tagebücher) und dann in etwa zweijährigen Intervallen, teils fächerübergreifend, immer wieder behandelt wird. Ein bislang letzter Schritt in der Aufarbeitung des Holocaust erfolgte durch die Regierung Schröder, als der Kanzler (neben der Entschädigung von Zwangsarbeitern) nicht mehr von der Schuld der Deutschen sprach – diese lehnte er für die aktuellen Generationen als 1944 Geborener ab – sondern eine spezifische deutsche Verantwortung konstatierte, an den Holocaust zu erinnern und eine Wiederholung zu vermeiden. Seit Schröders Umdeutung ist keine weitere Bewegung in der Aufarbeitung mehr zu erkennen.
Die Entwicklung der letzten etwa 20 Jahre ist allerdings Besorgnis erregend. Tatsächlich hat sich in breiten Bevölkerungsschichten eine Übersättigung mit dem Thema Holocaust eingestellt. An den Schulen stöhnen die Schüler, wann immer das Thema auf die Tagesordnung kommt. An den Geschichtsfakultäten gibt es kaum Veranstaltungen zu dem Thema, weil die Dozenten selbst oftmals keine Lust mehr darauf haben. Im Fernsehen erstarrt die Erinnerung zur Guido-Knopp-Betroffenheitsübung, und selbst Knopp widmet sich lieber dem eigentlichen Kriegsgeschehen oder irgendwelchen revisionistischen Betrachtungsweisen als dem Holocaust. Gleichzeitig ist die öffentliche Debatte unglaublich sensibel. Mit jedem Schritt kann man inzwischen in Geruch kommen, den Holocaust zu verharmlosen, antisemitisch zu denken oder Israel das Existenzrecht abzustreiten. Einerseits ist diese Sensibilität begrüßenswert. Einerseits.
Andererseits allerdings könnte es den Akteuren jener “political correctness” eines Tages so gehen wie dem Hirten im Märchen, der stets Wolf ruft, so dass ihn niemand mehr ernst nimmt, wenn der Wolf tatsächlich einmal kommt. Der Antisemitismus-Vorwurf wird inzwischen mit einer solchen Routiniertheit in der öffentlichen Debatte gebraucht, wird so schnell aus dem Köcher geholt, dass praktisch jeder damit belegt werden kann. Dieser Vorwurf aber ist die größte und härteste Waffe, die es im Kampf um die Holocaust-Deutung gibt. Wenn sie ständig genutzt wird, nutzt sie sich ab. Noch dramatischer ist, dass die Keule so oftmals gegen diejenigen geschwungen wird, die eigentlich die Verbündeten im Kampf gegen Holocaust-Relativierung sein müssten, etwa Martin Walser, der mehrmals in die Kritik geriet, am prominetesten aber wohl in seiner Paulskirchenrede 1998, in der er genau dieses Problem anprangerte. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass die Sensibilisierung der Deutschen für die Verbrechen des Holocaust ausgerechnet von ihren größten Verfechtern bedroht wird. Es ist weiterhin wichtig, wirklich wichtig, dass die Bevölkerung für den Holocaust und die anderen Nazi-Verbrechen sensibilisiert bleibt. Es muss ein Monopol der NPD und anderer Rechtsextremer bleiben, die Aufarbeitung und Erinnerung daran in Frage zu stellen. Dies allerdings geschieht nicht, wenn die Stimmung überwiegend genervt oder resigniert gegenüber dem Thema ist.
Wie also könnte man die Erinnerung und Aufarbeitung modifizieren? Ich bin der Überzeugung, dass ein Wechsel der Perspektive hier hilfreich sein kann. Ich erinnere mich noch daran, dass ich aus der Schule kommend selbst nicht auch nur das Geringste Interesse am Holocaust mehr hatte, das Thema nicht mehr hören konnte und froh war, dass Schröder einen Schlussstrich zu ziehen schien, was ihm allerdings (zum Glück) nicht gelang. Erst an der Universität fand ich einen neuen Zugang: von der Opferperspektive, die inzwischen in einer schon fast ritualisierten Nennung von Opferzahlen (sechs Millionen) und anderen Daten erstarrt ist, ohne einen emotionalen Zugang zu bieten, hin zu einer Täterperspektive zu wechseln. Zwar ist der Holocaust im öffentlichen Bewusstsein verankert wie kein zweites Ereignis, was eine beeindruckende und hervorzuhebende Leistung der Aufarbeitung ist. Leider ist er aber auch ein kaum verstandenes Ereignis. Was bewegte so viele Deutsche dazu, ihre Mitmenschen und völlig Fremde unter katastrophalen Unlebensbedingungen industriell, fabrikartig umzubringen? Wie war es möglich, dass von den nach konservativen Schätzungen 200.000 mittelbar am Holocaust beteiligten Personen praktisch niemand bereit war, etwas dagegen zu unternehmen?
In der aktuellen populären Geschichtsvermittlung wirkt es oftmals, als seien 1933 braune Aliens gelandet, hätten die Deutschen verhext, zum Holocaust und 2. Weltkrieg gezwungen und seien 1945 wie ein böser Albtraum wieder im All verschwunden. Gerade diese Sicht auf die damaligen Geschehnisse ist aber verheerend, denn sie eröffnet weder Verständnisspielräume noch trägt sie dazu bei, eine Wiederholung zu vermeiden. Praktisch jedem Deutschen sind die Fakten zum Holocaust bekannt. Wie es allerdings tatsächlich so weit kommen konnte, versteht fast niemand, und es wird auch nur selten der Versuch unternommen, es zu erklären. Gerade dies aber wäre notwendig, um eine Wiederholung dieser Geschehnisse tatsächlich zu vermeiden. Die öffentliche Erinnerung an den Holocaust droht in einem Ritual zu erstarren und politisch missbraucht zu werden, sei es zur Rechtfertigung des Kosovokriegs durch Joschka Fischer, der die Verhinderung eines serbischen Auschwitz postulierte, sei es in der politischen Alltagsdebatte. Das historische Erbe der Deutschen ist zu wichtig, um es auf diese Art auf das Spiel zu setzen. Wir haben eine historische Verantwortung (selbst wenn die Schuldigen bald wirklich alle nicht mehr unter uns weilen werden), und wir müssen sie wahrnehmen. Das sind wir den damaligen Opfern schuldig, das sind wir der Welt schuldig, und nicht zuletzt auch uns selbst.
Stefan Sasse
Stefan Sasse bloggt auf dem Oeffinger Freidenker und betreibt den Geschichtsblog.
© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. |
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