Gorch Fock in schwerer See
Lässt man einmal das militärische Umfeld heraus, hat sich an Bord deutscher Kriegsschiffe seit den Tagen von Lothar-Günther Buchheims “Das Boot” nicht sonderlich viel verändert. Auch heute dominiert an Bord ein nordisch rauer Ton, auch heute müssen sich Neulinge erst den Respekt der Altgefahrenen verdienen und auch heute gehört der übermäßige Genuss von alkoholischen Getränken zu den bevorzugten Methoden, den physischen und psychischen Stress abzubauen. Machen wir uns nichts vor – die Gorch Fock ist weder die Kulisse eines romantischen Becks-Werbespots noch eine schwimmende Waldorfschule. In einer Zeit, in der man bemüht ist, das öffentliche Bild des Soldaten zu idealisieren, erscheint die Gorch Fock anachronistisch. Die raue Realität eines Segelschulschiffs passt nun einmal nicht in die weichgespülte Hochglanzwelt, die unser Bewusstsein prägt. Vielleicht wird die Gorch Fock schon bald ein Museumsschiff sein, doch damit wäre weder der Marine noch den Seeleuten geholfen.In den frühen 90ern war ich selbst Soldat bei der Bundesmarine. Für einen verwöhnten Abiturienten war diese Zeit in der Tat eine heilsame Grenzerfahrung. Auch wenn man sich schnell an extreme Witterung, Seekrankheit, Schlaflosigkeit und physischen wie psychischen Stress gewöhnte, so schwamm die Gefahr im Hintergrund stets mit. Während meiner kurzen Dienstzeit verlor ein Kollege sein Bein, da er bei einem Anlegemanöver auf hoher See in das Auge des aufgerollten Anlegetaus trat. Ich selbst hätte bei einem ähnlichen Manöver beinahe die Hand verloren – zum Glück entdeckte ein altgefahrener Bootsmann meinen Anfängerfehler rechtzeitig und riss mich mit körperlicher Gewalt aus der Gefahrenzone. Während meiner kurzen Dienstzeit sind bei der Bundesmarine mindestens drei Matrosen tödlich verunglückt. Es gibt einen Unterschied zwischen einer Kreuzfahrt und dem seemännischen Dienst auf einem Kriegsschiff, bei man auch bei schwerster See seinen Dienst verrichten muss. Wer sich entschließt, ein Bordkommando bei der Bundesmarine einzugehen, sollte sich darüber im Klaren sein.
So traurig die beiden jüngsten Todesfälle an Bord der Gorch Fock auch sind, sie sind weniger ein Indiz für eine “zu harte Ausbildung”, sondern vielmehr ein Indiz für den fortschreitenden Realitätsverlust unserer Gesellschaft. Der Dienst auf der Gorch Fock ist für werdende Seeoffiziere obligatorisch. Und das hat seinen Grund. Bereits wenige Jahre später werden die Gorch-Fock-Kadetten selbst als Offiziere an Bord Verantwortung für Menschenleben übernehmen. Der harte Drill an Bord des Segelschulschiffs soll dafür sorgen, dass die jungen Kadetten ein Gespür für die Gefahren der See entwickeln. Nur so kann dafür gesorgt werden, dass sie in ihren späteren Kommandos verantwortungsvolle Befehle geben können. Wenn alle Offiziersränge an Bord der Schiffe und Boote der Bundesmarine mit “alten Seebären” besetzt wären, wäre sicherlich auch die Unfallquote wesentlich niedriger. Bei der Bundesmarine ist es allerdings nun einmal so, dass Burschen im zarten Alter von 25 Jahren auf kleineren Schiffen bereits als 1. oder 2. Offizier dienen. Fehlentscheidungen dieser Nachwuchsoffiziere sind die Regel – meist dienen altgefahrene Bootsmänner (Unteroffiziere mit Portepee) als letztes Korrektiv. Es ist daher unerlässlich, dass die Bundeswehrführung eine bestmögliche Ausbildung der Nachwuchsoffiziere gewährleistet. Wer Einschnitte bei der Offiziersausbildung vornimmt, bringt damit vor allem die Mannschaftsdienstgrade an Bord in Gefahr. Es ist keinesfalls so, dass die Ausbildung deutscher Kadetten im internationalen Maßstab besonders hart wäre. Wer nun über “Schikane” bei der Bundesmarine philosophiert, sollte sich einmal die Ausbildung der französischen, britischen, amerikanischen oder gar der russischen Marine näher anschauen.Natürlich darf der Hinweis auf die notwendige Härte der Seeoffiziersausbildung kein Freibrief für ungerechtfertigte Maßnahmen sein. Die Sicherheit der Kadetten muss immer höchstes Ziel bei der Ausbildung sein. Der kontrovers diskutierte Fall “Sarah Seele” wirft hier in der Tat einige Fragen auf. Haben die Ausbildungsoffiziere der Kadettin wirklich nicht gesagt, dass das Aufentern in die Takelage freiwillig ist? Eigentlich ist es an Bord der Gorch Fock vollkommen normal, dass Kadetten, die physisch oder psychisch nicht in der Lage sind, ihren Dienst in der Takelage zu verrichten, eine Position als Decksgast zugewiesen bekommen. Sollte sich bei den Ermittlungen herausstellen, dass im konkreten Fall von dieser Regel abgewichen wurde, so bestünde bei der Bundesmarine in diesem Punkt Handlungsbedarf. Man sollte sich jedoch davor hüten, dieses tragische Unglück mit anderen Beschwerden der Kadetten in einen Topf zu werfen. Wer Seeoffizier werden und die Verantwortung für Menschenleben übernehmen will, braucht eine echte Seeausbildung, die weit über das Segeltraining eines Kurses für gestresste Manager oder schwer erziehbare Jugendliche auf dem Ijsselmeer hinausgeht.
Die Schuld an der überzogenen Kritik an den Vorfällen auf der Gorch Fock trägt jedoch vor allem das Verteidigungsministerium. Wer die Bundeswehr als “ganz normalen Arbeitgeber” verkauft und in Werbespots den Eindruck erweckt, der Dienst an der Waffe sei eine Art Abenteuerurlaub auf Staatskosten, braucht sich auch nicht zu wundern, wenn der Nachwuchs unrealistische Vorstellungen von der Realität hat. Auch wenn schwere Unfälle bei der Bundesmarine unvermeidbar sind, so nähren die jüngsten Todesfälle auf der Gorch Fock doch den Verdacht, dass hier Kadetten ausgebildet wurden, die physisch und psychisch gar nicht die Voraussetzungen für den Dienst als Seeoffizier mitgebracht haben – auch die Geschlechterfrage muss an dieser Stelle noch einmal kritisch überdacht werden. Die einzig denkbare Lösung, solche vermeidbaren Unglücksfälle in Zukunft möglichst zu minimieren, ist eine Verschärfung der Zulassungskriterien. Doch dies wollen weder Politik noch Bundesmarine hören. Man ist bereits froh, wenn man überhaupt genügend Abiturienten bekommt, die den Nachwuchs für das Offizierskorps bilden.Umso unverständlicher erscheint in diesem Zusammenhang der Aktionismus des Verteidigungsministers. Auch für den Kapitän der Gorch Fork gilt die Unschuldsvermutung – so lange, bis ein ordentliches Verfahren gegebenfalls das Gegenteil belegen kann. Zu Guttenberg ist jedoch viel zu sehr PR-Profi, um solche Anstandsregeln einzuhalten. Die Medien bauen im Fall Gorch Fock einen Popanz auf und der Umfrageliebling hat nicht das Rückgrat, sich hinter seine Soldaten zu stellen. Baron zu Guttenberg wäre allerdings auch froh, wenn er die freiwerdenden Mittel in neue Bomben für Kundus stecken könnte. Doch solche Fragen werden nicht öffentlich diskutiert. Stattdessen wird lieber spekuliert, ob man die Gorch Fock nicht besser stilllegen sollte, da die Ausbildung auf einem Segelschulschiff ohnehin anachronistisch sei und wenig mit den heutigen Anforderungen an Seeoffiziere zu tun habe. Wer so etwas schreibt, ist nie aktiv zur See gefahren. Auch wenn man auf modernen Korvetten natürlich keine Segel mehr hissen muss, setzen die Seeleute auch heute noch ihr Leben aufs Spiel, wenn es darum geht, das Schiff gegen die Gewalten der See zu verteidigen. Daran wird sich auch nie etwas ändern. Die beste Gefahrenprophylaxe sind gut ausgebildete Seeoffiziere, die auch ein Gespür für potentiell gefährliche Situationen haben. Da ein solches Gespür aber nicht mit der Muttermilch aufgesogen wird und auch kein Bestandteil des Zentralabiturs ist, muss es erlernt werden. Wer heute das Segelschulschiff Gorch Fock stilllegen will, spielt mit dem Leben künftiger Generationen von Marinesoldaten.Jens Berger© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2011. | Permalink | 185 Kommentare |
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