Herr Malzahn will es noch mal wissen

Es gibt Journalisten, die im Internet nicht primär eine Bedrohung ihres Meinungsmonopols sehen, sondern eine Chance, den Journalismus zu revolutionieren – und es gibt Claus Christan Malzahn. Es gibt auch Journalisten, die keine vorgefasste Meinung haben, die sie mit noch so abstrusen Argumentationen zu verteidigen versuchen – und es gibt Claus Christian Malzahn. Es soll sogar Journalisten geben, die sich ausgiebig mit einem Thema beschäftigen und sich zumindest eine grobe Übersicht über die Gemengelage verschaffen, bevor sie zur Feder greifen – und es gibt Claus Christan Malzahn.Herr Malzahn ist der Eddie the Eagle des Journalismus – eine echte Trash-Ikone mit kruden Ansichten. Als Herr Malzahn beispielsweise mitbekam, dass mehr Deutsche in den USA als in Iran eine Bedrohung für den Weltfrieden sehen, empfahl er den Amerikanern, den Deutschen doch eine “neue Runde Re-Education” zu spendieren. Und als Herr Malzahn lesen musste, dass die US-Geheimdienste zugeben, dass Iran doch kein Atombombenprogramm betreibt, lautete sein bellizistisches Credo “Jetzt erst recht!”. Doch Herr Malzahn ist kein gewiefter Falke, der seine Leser subtil mit sinisterem Neokonservatismus bearbeitet – Malzahn ist vielmehr ein Dilettant, dessen Ergüsse noch nicht einmal Tante Erna vom Hocker hauen.Herr Malzahn hasst daher auch das Internet. Wo kämen wir denn auch hin, wenn jeder Leser sich selbst eine Meinung bilden könnte, anstatt publizistischen Blendgranaten wie Malzahn jedes noch so absurde Wort zu glauben? Es soll mehrere Journalisten geben, die das Internet hassen. Jedoch kommt es eher selten vor, dass man ausgerechnet diese Journalisten mit einer leitenden Funktion im Online-Journalismus beglückt. So etwas bringt natürlich nur SPIEGEL-Online fertig. Herr Malzahn diente dem boulevardesken Online-Ableger des ehemaligen Nachrichtenmagazins jahrelang treu als Leiter des Politik-Ressorts. Spötter behaupten, dass sowohl die fragwürdige politische Ausrichtung, als auch das bescheidene Niveau von SPIEGEL-Online untrennbar mit dem Namen Malzahn verbunden sind. Selbst für SPIEGEL-Online wurde Malzahn jedoch schon bald untragbar und man verbannte ihn in das Münchner Außenbüro der Print-Mutter.Wer es im deutschen Journalismus zu etwas bringen will, hat mit einer Kombination aus Merkbefreiung, Talentlosigkeit und einem unerschütterlichen Ego jedoch allerbeste Chancen. So kam es, dass der geschasste Herr Malzahn im April dieses Jahres zum stellvertretenden Politik-Chef der WELT-Gruppe ernannt wurde. Der Springer-Verlag hat schon ein besonderes Händchen bei der Verpflichtung untalentierter Vizes. Mit rationalen Argumenten lassen sich die Personalentscheidungen Malzahn und Poschardt (Vize-Chefredakteur der WamS) kaum erklären. Bislang hielt sich die publizistische Tätigkeit Malzahns bei seinem neuen Arbeitgeber glücklicherweise in Grenzen. Doch gestern muss sich der Herr Malzahn so geärgert haben, dass mit ihm wieder einmal die publizistischen Gäule durchgingen. Kenner ahnen schon, worum es geht – WikiLeaks, Internet, USA … dazu muss ein Herr Malzahn doch seinen Kommentar abgeben! Und so geschah es:.Die Verhaftung bringt Assange zurück in die Realität Zu lange spielte Julian Assange mit der Rechtsfreiheit im Internet. Jetzt holt ihn der Rechtsstaat im wahren Leben ein. [...] Die schwedische Staatsanwaltschaft will den Australier Assange lediglich zu schwerwiegenden Vorwürfen vernehmen, die gegen ihn im Raum stehen. Dieser Klärung des Sachverhalts hat sich Assange bisher entzogen. Seine Anhänger wittern dennoch ein abgekartetes Spiel: Die Vergewaltigungsvorwürfe seien fingiert, um das Wikileaks-Projekt zu beschädigen. Wenn das so wäre, müssten die beiden Schwedinnen, deren Bekanntschaft Assange offenbar nicht bestreitet, sowie die schwedische Staatsanwaltschaft eine von den USA diktierte, heimliche Agenda verfolgen.Diese Agenda wäre dann ungefähr so unheimlich heimlich, wie die heimliche Agenda der Dienstleistungsunternehmen Amazon, PayPal, MasterCard und Visa. Dass auch andere Staaten, wie beispielsweise Frankreich, eine nicht einmal heimliche Agenda verfolgen, um WikiLeaks aus dem Netz zu treiben, ist für ernsthafte Journalisten auch kein Geheimnis. Die Spatzen grölen es von Dächern, aber Herr Malzahn besitzt verdammt gute Ohrenschützer.Warum Herr Malzahn Zweifel an den Vergewaltigungsvorwürfen unbedingt mit einem “US-Diktat” in Verbindung bringen muss, weiß wahrscheinlich auch nur er selbst. Sogar Malzahns ehemalige Kollegen von SPIEGEL-Online vermuten hinter den Vorwürfen eher die gekränkte Eitelkeit zweier ehemaliger Sex-Partnerinnen des blassen Australiers. Natürlich ist es nicht statthaft, die strafrechtlichen Vorwürfe gegen Assange als reinen CIA-Plot zu brandmarken, wie es einige Internetseiten tun. Sich auszumalen, dass zwei Frauen, die entdecken, dass ihr großer Held sie offenbar als Sexspielzeug missbraucht hat, sich auf diese Art und Weise rächen wollen und dabei in einen Mechanismus hineingezogen wurden, den sie selbst nicht mehr stoppen können, ist zumindest eine nicht eben unplausible Deutung der Geschehnisse.Darauf gibt es bis heute freilich keinen einzigen Hinweis, nicht einmal einen, den man nicht weiter ernst nehmen müsste.Dafür gibt es diverse Hinweise, die weltweit in allen Zeitungen von arrivierten Journalisten diskutiert werden. Liest Herr Malzahn etwa keine Zeitungen?Es geht in Schweden ausdrücklich nicht um den politischen Schaden, den der Wikileaks-Aktivist angerichtet hat. Ob die Enthüllungen für Assange überhaupt ein juristisches Nachspiel haben werden, ist vollkommen unklar. Konstatieren kann man nur, dass die Wikileaks-Geschichte nun um einen Kachelmann-Faktor bereichert worden ist. Wohin das führt, ist offen.Ist Naivität eine Tugend? Wenn dem so sein sollte, ist Herr Malzahn ein wahrhaft tugendhafter Mensch. Auch Herrn Malzahn sollte es nicht entgangen sein, dass die US-Behörden fieberhaft nach einer juristischen Begründung jenseits des Verstoßes gegen das Urheberrecht suchen, um eine mögliche Auslieferung von Julian Assange zu beantragen. Da Großbritannien allerdings nur in schwerwiegenden Fällen in Nicht-EU-Länder ausliefert, ist es selbstverständlich im Interesse der USA, wenn Assange nach Schweden ausgeliefert werden sollte. Diesen Umstand als “Kachelmann-Faktor” zu umschreiben, zeugt schon von einer fundamentalen Beschränktheit.Asssange hat sich im Internet eine Wirkungssphäre geschaffen, die ohne geltendes Recht auskommen will.Man muss WikiLeaks nicht unbedingt mögen, um zu erkennen, dass dies kompletter Unfug ist. WikiLeaks hat bis dato jeden juristischen Streit gewonnen und wer mit Mitarbeiten von WikiLeaks spricht, weiß, dass sie nicht im rechtsfreien Raum operieren wollen, sondern – ganz im Gegenteil – darauf Wert legen, im Einklang mit den Gesetzen zu arbeiten. Dass dies nicht für die Whistleblower selbst gilt, ist offensichtlich. Aber auch die Informanten des SPIEGEL verstoßen gegen geltende Gesetze. Operiert der SPIEGEL deshalb in einer “Wirkungssphäre, die ohne geltendes Recht auskommen will”?Diese Haltung ist im Web ohnehin sehr verbreitet. Sie beginnt bei beleidigenden Leserkommentaren, reicht über üble Nachrede, getarnt als objektiver Eintrag bei Wikipedia, und endet letztlich beim organisierten Geheimnisverrat des Wikileaks-Projektes.Diese Argumentationskette sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer heute böse Kommentare über Herrn Malzahn verfasst, ist morgen schon ein Terrorist. Dieses gottverdammte Internet! Wir wissen ja schließlich auch, dass Ego-Shooter-Kiddies später Amok laufen und Filesharer potentielle Schwerstverbrecher sind.Warum mag Herr Malzahn eigentlich das Internet nicht? Weil es sein merkbefreites Gebrabbel kritisiert? Man kann sicherlich darüber streiten, ob SPON oder WELT-Online sich damit einen Gefallen tun, überhaupt eine Kommentierung anzubieten. Winston Churchill sagte einmal “Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler” – wer will dem alten Haudegen da widersprechen? Die Interaktivität publiziert diese vermeintliche Schwachstelle der Demokratie. Man stelle sich einmal vor, Angela Merkel würde ihre Regierungserklärung vor bildungsfernen Kneipenphilosophen abhalten, die alle Rederecht im Bundestag hätten – Hallelujah! Im Netz haben die Kneipenphilosophen Rederecht. Das muss einem nicht gefallen, aber es ist demokratisch. Wenn Herr Malzahn “böse Kommentare” für Teufelswerk hält, hat er auch ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie.Aus purer Hilf- und teilweise auch Ahnungslosigkeit haben wir – das schließt den Journalismus neben der Politik mit ein – diesem zum Teil unverantwortlichen Treiben viel zu lange zugesehen, während uns sogenannte Netzexperten glauben machen wollten, das Internet schaffe schon irgendwie seine eigene Ethik. Das ist nicht passiert.Aber seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen! Journalismus und Politik gegen das “unverantwortliche Treiben” von Experten und Volk – diese Frontlage ist ja keinesfalls neu. Wenn Herr Malzahn von Ethik spricht, so ist das freilich eine durchschaubare Finte. Natürlich hat das Netz seine Ethik und niemand kann etwas dafür, dass Herr Malzahn diese Ethik nicht versteht. Bei seinem Ausflug in die Welt der Ethik wirkt Malzahn vielmehr wie ein Papist des 15. Jahrhunderts, der gegen die Übersetzung der Bibel und den Buchdruck zu Felde zieht – panisch vor Angst, seine Interpretationshoheit zu verlieren. Diese Angst ist nicht unberechtigt und Herr Malzahn ist keinesfalls der Einzige, der fürchtet, dass ihm bei einer Demokratisierung des Meinungsbildungsprozesses die Felle wegschwimmen.Stattdessen gilt es bei manchen heute schon als Zensurmaßnahme, wenn man gegen Kinderpornografie zu Felde zieht.Wenn man eine potentielle Zensurinfrastruktur aufbauen will, die noch nicht einmal wirkungsvoll gegen Kinderpornografie eingesetzt werden kann, fürchten die “unverantwortlichen” Experten und Internetnutzer zu Recht, dass hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird.Dieser digitalen Kultur des „Anything goes“, in der alles möglich und natürlich möglichst auch alles umsonst sein soll, entstammt auch Julian Assange, der schon als 16-Jähriger mit dem Computer Sicherheitscodes von Firmen geknackt hat. Offenbar hat er angenommen, dass die Elastizität von Recht und Gesetz im Internet auch im wahren Leben gilt.Wer einen Zusammenhang zwischen Assanges Hackerethik und dem Vorwurf der sexuellen Nötigung sieht, hebe die Hand. Malzahns Rabulistik ist schon beeindruckend inkonsistent – während er einleitend jeglichen Zusammenhang zwischen Assanges Verhaftung und der Arbeit von WikiLeaks kategorisch in das Reich der Verschwörungstheorien verweist, zieht er zwei Absätze später selbst diesen Schluss. Man kann so etwas kognitive Dissonanz nennen, man kann es aber auch als gescheiterten Versuch sehen, populistisch gegen eine Internetkultur zu wettern, die man selbst nicht versteht. Das geht aber doch wohl besser, Herr Malzahn! Jeder darf seine Meinung haben und versuchen, andere zu überzeugen. Aber doch bitte nicht derart plump. Fragen Sie doch mal ihren Kollegen Henryk M. Broder, ob er Ihnen ein wenig Nachhilfe in Rabulistik geben kann – von ihm könnten Sie noch viel lernen.Da lag er aber falsch. Insofern ist seine Festnahme nur der Beleg dafür, dass rechtsstaatliche Prinzipien im wahren Leben konsequenter durchgesetzt werden. Immerhin.Immerhin! Und was soll uns dieser verschwurbelte Schlußsatz sagen? Dass Sexualstraftaten konsequenter verfolgt werden können als … ja, als was? Als “beleidigende Leserkommentare”? Als “üble Nachrede, getarnt als objektiver Eintrag bei Wikipedia”? Oder etwa als “der organisierte Geheimnisverrat des Wikileaks-Projektes”? Ja, lieber Herr Malzahn, so funktioniert er nun einmal, der Rechtsstaat! Ein Großteil Ihrer Leser ist froh, dass es noch so etwas wie rechtsstaatliche Prinzipien gibt, die auch im Netz gelten. Sie sehen das offensichtlich anders. Aber um was geht es Ihnen eigentlich? Fürchten Sie um Ihr Deutungsmonopol? Sind Sie beleidigt, weil boshafte Schreiberlinge ohne Verlagsanstellung Sie kritisieren? Oder sind Sie nur erbost, weil “Cablegate” Ihre geliebte Kriegspolitik der USA in einem schlechteren Licht dastehen lässt? Sollte es der letztgenannte Grund sein, können Sie beruhigt sein – so schlimme Sachen stehen in den Depeschen gar nicht.Welt Online hat die Kommentarfunktion dieses Artikels geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.Natürlich haben wir dafür Verständnis.Jens Berger© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. | Permalink | 175 Kommentare |

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