Ljudmila Ulitzkaya: Ein trauriges Begräbnis

Alik muss sterben, die Krankheit rafft seinen Körper dahin, schon ist es soweit, dass nur noch seine Zunge der Bewegung fähig ist. Der russische Künstler Alik stirbt fern der Heimat, in New York. An seinem Totenbett, zusammengepfercht wie eine Herde, geleiten ihn seine Freunde in der Fremde auf seinem letzten Weg. Niemals wird ein Mensch so gefeiert, wie wenn man Abschied nimmt von ihm, und der Tod ist der endgültigste Abschied, daher wird Alik gefeiert, und Ulitzkaja reiht sich in ihrer Bereitschaft, Alik zu feiern, in die Gesellschaft ein.
Die Autorin verleiht so feinsinnig, beinahe unbemerkt, jedem dieser Menschen am Bett des Sterbenden eine Würde, einen Pathos. Anstatt in literarischer Manier, wie es zahlreiche Jungautoren auf den Spuren der alten Meister machen, den Glanz der Wirklichkeit zu durchbrechen und hinter ihm das Grauen und das Lächerliche aufzudecken, handelt sie ganz im Sinne von Nietzsches Definition der Kunst: Erfülle das Grauenhafte mit dem Schein des Erhabenen. Und was ist grauenhafter als der Tod? Und wer kann dies besser machen als eine Frau, liegt nicht in der Zierde dieser Welt der eigenste, der größte Wert der Frau, der Grund, warum wir Männer ohne diese Wesen dahinsiechen?
Ulitzkaja ist in diesem Buch ganz Frau, liebevoll und mütterlich. Sie blickt den Leser auf der ersten Seite des Buches an, weise und zärtlich. Sie hebt ihren Schleier der Liebe über ihre Protagonisten, so als wären es ihre Kinder. Damit, und das ist das spektakulärste an diesem Roman, stellt sie sich in die konsequente Gegenrolle zur männlichen Literatur. Dort wo diese entzaubern, da verzaubert sie.
Der Tod wird mit einem Ritual umschleiert, jede Handlung trägt dazu bei, um dem Schrecken, der unweigerlich über die Gesellschaft hereinbrechen wird, eine Würde zu verleihen. Wie würdevoll sind die Ärzte, wie viel Respekt hat Ulitzkaja vor den Priestern und Rabbinern, vor den ehemaligen Geliebten des Sterbenden.
Jeder Autor hat ein System der Werte, welches Personen, ohne dies explizit zu nennen, erhöht und erniedrigt. Sehr oft sind dabei Autoren nicht anders wie Journalisten: Der originelle Charakter ist der gute Charakter. Bei Ulitzkaja ist es die Menschlichkeit, jeder, der menschlich ist, der den anderen versteht und Liebe mitgeben kann, der seine angemessene Rolle im Ritual des Todes findet, ist gut.
Es mag in dieser Rezension so erscheinen, doch der Kitsch bleibt dem Sterbebett fern. Jeder an diesem traurig-würdevollen Ritual wird erhöht, strahlt in seinen guten, menschlichen Eigenschaften. Und, konsequenterweise, leuchtet im Zentrum Alik, den Ulitzkaja so bedingungslos mit Liebe und Wohlwollen beschreibt.
Zugleich ist dies nicht nur ein schönes Buch über den Tod und die Menschlichkeit, es ist auch ein Roman über die Fremde. Die Verbundenheit der russischen Landsleute in New York, die wunderlichen Gestalten dieser Metropole, die orthodoxen Juden, die Mystiker, und letztendlich treten auch die karibischen Musiker und der französische Einwanderer auf.
Zart in den Verlauf der Geschichte eingewebt sind die Biographien der Personen, das Verlassen der Heimat, das Ankommen in Amerika, die Einbindung in neue Kreise, das vorsichtige Herantasten an eine neue Gesellschaft.
Ein Roman über den Tod, über die Liebe und über das Leben in der Fremde, warmherzig und doch tiefsinnig.
Man muss hierbei betonen: Ulitzkaja wurde schon mit Tschechow verglichen, eine Ehre, welche keinem aktuell lebenden russischen Schriftsteller erteilt wurde – die Anspielung auf die heiligen Klassiker. Jeder dieser Vergleiche ruft eine kritische Betrachtung hervor, doch wenn es um die Erzählkunst, um die Intensität der Atmosphäre, um die Darstellung der Protagonisten geht – Ulitzkaja greift in dieser ewigwährenden schriftstellerischen Tugend weitaus näher an die russischen Klassiker heran als es ein Sorokin oder ein Pelewin vermag.

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