Operation am offenen Geschichtsbuch
Wie eine Wissenschaftsdisziplin ihre eigene Geschichte schreibt und ein DDR-Mythos bis heute nachwirkt.ein Gastartikel von Fabian RussinDresden ist nicht nur die Landeshauptstadt Sachsens, sondern auch eine Stadt, in der das Streitgespräch gepflegt wird. Der Leser wird sich an dieser Stelle unter Umständen an den ausufernden Streit um die Waldschlösschenbrücke erinnern. Es wird jedoch nicht nur um aktuelle Ereignisse gestritten, sondern auch um die wechselhafte Geschichte.
Zankapfel ist die Person Rainer Fetscher. Der gebürtige Wiener wirkte seit 1922 in Dresden als Arzt wie auch als Eugeniker (siehe auch Rassenhygiene). Im Zuge seiner Tätigkeit erstellte er unter anderem eine „Erbbiologische Kartei“, in der er Kriminelle und deren Familien erfasste. Ziel dieser Kartei war die Erfassung von sogenannten „biologisch Minderwertigen“, welche im Dritten Reich massenweise sterilisiert und später im Rahmen der Aktion T4 vergast wurden. Fetscher fiel jedoch bei führenden Nationalsozialisten in Ungnade, da er in einer Schrift behauptet hatte, dass eine rein nordische Ehe nicht möglich sei. Wahrscheinlich aus diesem Grund wurde er 1934 in den Ruhestand versetzt.Daraufhin versuchte Fetscher auf verschiedene Weise sich dem System anzudienen. So trat er noch im selben Jahr in die SA ein. In dem ebenfalls 1934 erschienenen Buch „Rassenhygiene – Eine Einführung für Lehrer“ legte Fetscher seine Etikette schließlich zur Gänze ab. Hier fordert er Lehrer auf „sterilisierungsbedürftige“ Kinder anzuzeigen, er spricht von Juden als Parasiten in „Wirtsvölkern“ und fordert zudem die „Ausmerze krankhaften und rassenfremden Erbgutes“. Für diese Ausmerze biete sich, laut Rainer Fetscher, die Erfassung kranker Familien in „besonderen Karteien“ an. Fetscher offeriert hier offensichtlich seine Kartei für die Vorbereitung der massenweisen Ermordung kranker Menschen! Schreibt der Arzt hier auch in einer Radikalität, die den Nationalsozialisten hätte gefallen können, so blieb ihm die berufliche Rehabilitation dennoch verwährt. Er fand schließlich 1945 unter nicht genau geklärten Umständen den Tod.Während man in Moskau darum bemüht war dem Ostteil Deutschlands ein sozialistisches Antlitz zu verleihen, wurden in Sachsen Vorbilder gesucht. In Ermangelung anderer Idole berief man sich auf Fetscher und erinnerte an seine Mithilfe für jüdische Bürger während des Zweiten Weltkrieges. Fetscher avancierte von nun an zum lokalen Heros. In Dresden wurden rasch eine Straße sowie ein Platz nach ihm benannt, in der DDR Presse erschienen zahlreiche Artikel in denen Rainer Fetscher für seinen humanistischen Geist und seine antifaschistische Haltung gepriesen wurde – ein Vorbild für Jung und Alt. Seine eugenischen Ansichten inklusive ihrer unmenschlichen Forderungen nach der Ermordung kranker Menschen wurden dabei kurzum verschwiegen. An den propagandistischen Schriften beteiligte sich dabei unter anderem Marina Lienert. Im Jahr 1990 fertigte dann Steffen Sachse, ein Mediziner, eine erste ausführliche Arbeit über Fetscher an. In ihr wurden bereits einige kritische Stimmen zu seiner Tätigkeit laut. Eine Umbewertung der Person fand jedoch nicht statt, obgleich u.a. der renommierte Historiker Reiner Pommerin für eine kritische Betrachtung Fetschers plädiert.Vom staatlich verordneten zum persönlichen Fetscher-KultNach wie vor tragen öffentliche Plätze sowie Schulen in Dresden und Umgebung den Namen Fetschers. So eben auch eine Schule für Körperbehinderte. Wie ist das möglich?
Der in der DDR aufgebaute Mythos um Rainer Fetscher wirkt noch immer nach. Das Fortwähren dieser Legende ist nicht zuletzt das fragwürdige Verdienst von Dr. phil. Marina Lienert vom Lehrstuhl für Geschichte der Medizin der TU Dresden. Nach wie vor ist sie der Ansicht, dass Rainer Fetscher vorrangig Menschen geholfen hat.Die inhumanen eugenischen Ansichten, die Befürwortung von staatlich verordneten Sterilisationen, die eigenhändige Durchführung von mindestens 65 Sterilisationen, die Forderung nach der „Ausmerze krankhaften und rassenfremden Erbgutes“ – all diese Fakten werden in Dresden am Institut für Geschichte der Medizin marginalisiert. Um den Mythos vom Menschenfreund Fetscher aufrechtzuerhalten, erscheinen Lienert selbst waghalsige Behauptungen, die sich am Rande der Geschichtsklitterung bewegen recht. So schreibt die Historikerin im Ärzteblatt Sachsen (1/2010): „Zudem ist der Begriff ‚Rasse‘ bei Fetscher im Sinne der gesamten menschlichen Rasse und nicht in Unterscheidung von ‚Menschenrassen‘ zu verstehen. Nach wie vor sind keine explizit antisemitischen Äußerungen nachzuweisen“.Lesen wir bei Fetscher nach. 1930 schreibt er in einem Buch (Titel: Eugenik), dass die Aufgabe der Eugenik… „nicht nur nationale Bedeutung hat, sondern entscheidend auch für die Gesamtheit der weißen Rasse ist, der doch wohl im Laufe noch dieses Jahrhunderts die Auseinandersetzung mit den farbigen Völkern bevorsteht.“Im oben bereits erwähnten Buch „Rassenhygiene“ setzt er Juden mit Parasiten gleich, indem er schreibt: „Es ist verständlich, dass ihr großes Einfühlungs- und Anpassungsvermögen ihnen das Eindringen in die Wirtsvölker erleichtert.“Im selben Werk stellt Fetscher fest:Die letzte Möglichkeit der Verbesserung der Erbwerte unseres Volkes besteht in der Ausmerze krankhaften und rassenfremden Erbgutes.[...] Voraussetzung erfolgreicher und gründlicher Arbeit ist dafür die Kenntnis der erbkranken Familienstämme, die in besonderen Karteien geführt werden müssen.Diese Ausmerze bezieht sich für ihn auf zahlreiche Gruppen, die er als minderwertig betrachtet: Juden, Alkoholiker, sogenannte Asoziale, Kriminelle, Prostituierte, Menschen anderer Hautfarbe und auch kranke Menschen. Menschen, denen er als Arzt zu helfen geschworen hat. Fetscher ist hier nicht nur Stichwortgeber für die Nationalsozialisten, sondern beschreibt und legt den Grundstein für exakt das System, von der Erfassung bis hin zur Ausmerze „Erbkranker“, das später mit tödlicher Präzision zu greifen beginnt.Es ist nie leicht, liebgewonnene Ansichten zu verändern: In Dresden blickte man mehrere Dekaden stolz auf den „Menschenfreund“ Rainer Fetscher, dessen übergroßes Konterfei noch heute die Räumlichkeiten des Lehrstuhls für Geschichte der Medizin ziert. An all diese Dinge hat man sich gewöhnt, da passen kritische Stimmen nicht so recht zum sauberen Fetscherbild. Die Alternative wäre am Ende sich selbst einer jahrelangen unkritischen Haltung bewusst zu werden. Es scheint gar so, als würde man die alte Tradition der Ahnenverehrung in Dresden gegen jeden Widerstand und jede Ratio verteidigen wollen.Geimpft gegen Befangenheit
Neben dem fehlgeleiteten Personenkult um den Mediziner Fetscher im Detail rückt auch die gesamte Disziplin Medizingeschichte in den Fokus. Es sind eben hauptsächlich Mediziner und nicht Historiker, die sich der Materie annehmen. Dabei ist die Gefahr der Befangenheit durchaus gegeben. Die historischen Erarbeitungen von Medizinern in allen Ehren, doch erscheint ein Mediziner wenig geeignet eine fundierte und kritische Geschichte seines Faches zu schreiben. Ebenso wenig würde man sich im Krankheitsfall den Rat eines Historikers einholen.Gegen Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Erforschung der Geschichte der Medizin und führte zur Angliederung des Forschungszweiges an den medizinischen Fakultäten. Heutzutage muss jedoch die Frage gestattet sein, ob diese Eigenständigkeit ihre Berechtigung hat. Denn nichts spricht gegen eine Eingliederung in die Philosophischen Fakultäten, der Heimat der Geschichtswissenschaft. Die exotische Angliederung der Medizingeschichte ermöglicht es den Medizinern darüber hinaus auch einen fachfremden Doktorentitel zu erwerben, d.h. mit einer geschichtswissenschaftlichen Promotion einen Dr. med. zu erlangen.Für eine fundierte Geschichtsschreibung bedarf es kritischer Geister, die mit den Methoden und Tücken des Faches vertraut sind. Diese zu formen ist Aufgabe der Institute für Geschichtswissenschaft. Warum vereinzelte Mediziner vorgeben es den Historikern ohne entsprechende Ausbildung gleichtun zu können, kann an dieser Stelle nicht erschöpfend geklärt werden. Da folglich die Befangenheit von Medizinern im betreffenden Sujet nicht ausgeschlossen werden kann, erscheinen eigenständige Institute für diesen speziellen Forschungsschwerpunkt unter dem Aspekt der Vertretbarkeit als fragwürdig.Geschichte wird von oben verordnetZurück zu Rainer Fetscher. Es wurde bereits gezeigt, dass die Propaganda der DDR, persönliche Unreflektiertheit sowie die Kuriosität der eigenständigen Medizingeschichte dazu beigetragen haben den Mythos aufrecht zu erhalten. Hinzu kommt jedoch ein weiterer Aspekt.Geschichte ist keine feststehende Wahrheit. Es handelt sich vielmehr um einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, der einerseits auf Fakten und andererseits auf Ansichten basiert. Hierbei ist es wichtig, dass Gruppen oder Personen innerhalb der Gesellschaft Akzeptanz für bestimmte Auslegungen der Vergangenheit erzeugen. So wurde z.B. Claus Schenk von Stauffenberg in den 50er Jahren, als der Militarismus der NS-Zeit noch großen gesellschaftlichen Einfluss hatte, als unehrenhaft angesehen, da er seinen soldatischen Eid gebrochen hatte. In den 1980er Jahren erfuhr die Person Stauffenberg eine Umdeutung. Folglich wurde er in beiden deutschen Staaten für seinen Einsatz geehrt. Der Versuch Hitler umzubringen, ließ es durchaus gerechtfertigt erscheinen, den Eid zu brechen.
Nach diesem Prinzip der gesellschaftlichen Anerkennung einer bestimmten Version der Geschichte wird versucht, die Akzeptanz für eine kritische Sichtweise auf Rainer Fetscher zu verhindern. Federführend hierbei ist der Sohn Rainer Fetschers, Iring Fetscher. Der hochdekorierte Politikwissenschaftler arbeitet unermüdlich daran, dass das über seinen Vater vorherrschende Geschichtsbild ein positives bleibt (Siehe: Diskussionsteil des Wikipedia-Eintrages zu Rainer Fetscher). Verständlich, dass dieser Mann seinen Vater in Schutz nimmt, doch wiegen die historischen Fakten schwer. Entgegen dieser ist es Iring Fetscher bis Dato stets geglückt, die geschönte Geschichte über seinen Vater aufrecht zu erhalten, wobei ihm sein Renommee sicherlich behilflich ist. Er dozierte an mehreren Universitäten und steht mit zahlreichen Historikern und Politikern im persönlichen Kontakt; so arbeitete er unter anderem in der Grundwertekommission der SPD. Hier liegt der Verdacht nahe, dass Iring Fetscher seinen Einfluss ausspielt, um die Mär vom Menschenfreund Rainer Fetscher aufrechtzuerhalten. Die Autobiographie Iring Fetschers trägt den Titel „Neugier und Furcht“. Hoffen wir, dass die Furcht am Ende nicht sein Makel ist.Fazit?Am Beispiel Rainer Fetschers lassen sich mehrere Konfliktlinien ausmachen: 1. Es werden Posten in der Wissenschaft heutzutage immer noch durch Personen besetzt, die der SED in die Hände schrieben und somit zum völlig unreflektierten Image von Rainer Fetscher beitrugen. 2. Kritik an der eigenständigen Existenz von Instituten für die Geschichte der Medizin erscheint als durchaus angemessen. 3. Vor Befangenheit sind weder Historiker, noch Mediziner, noch Politikwissenschaftler gefeit.Doch selbst diese offensichtlichen Tatbestände können den Himmel über Dresden nicht verdunkeln. Dort sind nach wie vor ein Platz, eine Straße und die besagte Schule für Körperbehinderte nach dem Arzt und Eugeniker Rainer Fetscher benannt. Die besagte Straße führt übrigens am Universitätsklinikum vorbei, so dass sich die angehenden Ärzte stets ihrer humanis-tischen Tradition besinnen können, als deren Vertreter Rainer Fetscher dort nach wie vor gilt.Fabian RussinFabian Russin hat in Dresden Lehramt für Politik & Geschichte studiert und ist derzeit als Lehrer in Hessen tätig. Seine erste Staatsexamensarbeit trug den Titel “Rainer Fetscher – Arzt und Eugeniker”Fußnoten: (1) Zur Erläuterung: Ziel der Eugenik ist einerseits das Steigern der Fortpflanzung von Menschen mit Erbanlagen, die als positiv angesehen werden und andererseits das Verhindern der Fortpflanzung von Menschen mit negativ bewerteten Erbanlagen.Anmerkungen: 1. Die Rechte zum Bild „Rasse – Mischvolk“ liegen nicht beim Verfasser. 2. Die Rechte zum Bild „Iring Fetscher“ liegen nicht beim Verfasser. http://www.ulm.de/stadthaus/weitere_infos.62053.htm, 08.02.2011 3. Die Rechte zum Bild „Hier trägst du mit“ liegen nicht beim Verfasser. http://www.gedenkstaettesteinhof.at/de/Image/28?limit=10%3Bstart=0%3B, 08.02.2011 4. Das Foto „Fetscher Portrait“ wurde vom Verfasser selbst in den Räumlichkeiten des Institutes für Geschichte der Medizin aufgenommen.© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2011. | Permalink | 3 Kommentare |
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