Psychokrieg an der Heimatfront

ein Gastartikel von Axel Weipert
Mal wie­der geht sie um in Deutsch­land: die Ter­ror­angst. Zwar be­tont In­nen­mi­nis­ter de Maizière, es be­ste­he ge­ra­de dafür kein An­lass, er sehe le­dig­lich Grund zur Be­sorg­nis. Aber al­lein die Tat­sa­che, dass das für Si­cher­heits­po­li­tik zu­stän­di­ge Re­gie­rungs­mit­glied er­klärt, man habe „kon­kre­te Er­mitt­lungs­an­sät­ze und kon­kre­te Spu­ren“ für ge­plan­te An­schlä­ge, sorgt schon für das Ge­gen­teil: Eine me­dia­le Hys­te­rie. War das denn nicht vor­her­seh­bar?
Mit Si­cher­heit sehr viel be­re­chen­ba­rer als die omi­nö­sen Ter­ro­ris­ten sind je­den­falls die Ver­tre­ter der bun­des­deut­schen Me­di­en­land­schaft. Fol­ge­rich­tig wird um­ge­hend wahl­wei­se ein „Psy­cho­krieg“ aus­ge­ru­fen oder man wähnt Deutsch­land im Vi­sier eines be­brill­ten Bart­trä­gers na­mens Mo­ham­med Ilyas Kash­mi­ri. Auch wird dann mun­ter spe­ku­liert über mög­li­che An­schlags­zie­le: Bahn­hö­fe, Flug­hä­fen, Re­gie­rungs­ge­bäu­de – oder schla­gen die fins­te­ren Ge­sel­len am Ende gar auf dem Nürn­ber­ger Christ­kind­les­markt zu?
Von Vor­teil ist dabei, dass nichts auch nur an­satz­wei­se be­legt wer­den muss. Man mun­kelt nur von „Ge­heim­dienst­krei­sen“, „aus­län­di­schen Part­nern“ oder davon, was im „af­gha­nisch-pa­kis­ta­ni­schen Grenz­ge­biet“ so alles er­zählt wird. Als Täter tre­ten na­tür­lich dann die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen auf, wir ken­nen sie be­reits zur Ge­nü­ge – oder mei­nen zu­min­dest, sie zu ken­nen: Die Is­la­mis­ten von al Qaida. Wer denn diese Grup­pe ei­gent­lich ist bzw. wer hin­ter dem Label steckt, das in­ter­es­siert kaum je­man­den wirk­lich. Der Name al­lein wirkt schon.
So ge­se­hen haben wir es tat­säch­lich mit einem Psy­cho­krieg zu tun. Nur ver­lau­fen die Fron­ten ein wenig an­ders als vom Spie­gel sug­ge­riert. Der Plot er­füllt je­den­falls alle Kri­te­ri­en einer ve­ri­ta­blen Ver­schwö­rungs­theo­rie: Da gibt es einen un­sicht­ba­ren, aber schein­bar om­ni­prä­sen­ten Feind; ein in­ter­na­tio­na­les Netz­werk, das seit Jah­ren nur damit be­schäf­tigt ist, Droh­vide­os zu dre­hen oder An­schlä­ge zu pla­nen. Die Opfer sind stets un­schul­dig und po­ten­zi­ell wir alle. Und für jeden ge­tö­te­ten oder ver­haf­te­ten Ter­ro­ris­ten tritt an­schei­nend gleich ein an­de­rer an seine Stel­le. Da hel­fen of­fen­bar auch High-Tech-Droh­nen und brun­nen­boh­ren­de Bun­des­wehr­sol­da­ten nicht mehr. Zumal der Feind nicht nur hin­ter­häl­tig ist, son­dern auch über an­de­re Tu­gen­den ver­fügt.
Denn Ter­ro­ris­ten sind nicht nur Mör­der, sie sind auch sehr ge­dul­dig, wie uns bei Spie­gel On­line er­klärt wird. Schlie­ß­lich wird eben­die­se Ge­duld „in jedem Stan­dard­werk zur Aus­bil­dung dschi­ha­dis­ti­scher Ter­ro­ris­ten als Kern­tu­gend der Got­tes­krie­ger her­aus­ge­stellt.“ Aha. Nur lei­der ver­gisst der Autor in die­sem Zu­sam­men­hang, we­nigs­tens eines die­ser „Stan­dard­wer­ke“ zu nen­nen. Aber darum geht es ja hier nicht. Die Logik ist wohl eine an­de­re: Fin­det kein An­schlag statt, könn­te eben mor­gen einer pas­sie­ren. Oder über­mor­gen.
Nach den Pa­ket­bom­ben aus dem Jemen sind es dies­mal wie­der »echte« Ter­ro­ris­ten, die auf dem Weg ins Abend­land sind, um Tod und Ver­der­ben zu ver­brei­ten. An­geb­lich sogar deut­sche Staat­bür­ger, die ab dem 22. No­vem­ber hier ihr Un­we­sen trei­ben wer­den. Sie seien in Ter­ror­camps aus­ge­bil­det wor­den und be­reits wie­der auf dem Weg zu­rück in die Hei­mat. Da macht es na­tür­lich Sinn, wenn das BKA alle Vi­sa-An­trä­ge aus ver­däch­ti­gen Län­dern über­prüft. Man darf ge­spannt sein, nach wel­chen Kri­te­ri­en hier ge­fil­tert wird.
An­ge­sichts all der Auf­re­gung bleibt man ein wenig rat­los zu­rück: Da hat es tat­säch­lich noch nie einen Ter­ror­an­schlag in Deutsch­land mit is­la­mis­ti­schem Hin­ter­grund ge­ge­ben. Aber bei jeder An­kün­di­gung eines Po­li­ti­kers, dies könne even­tu­ell viel­leicht ein­mal ir­gend­wann pas­sie­ren, zu­cken alle Me­di­en­ver­tre­ter re­flex­haft zu­sam­men. Und das Volk? Man kann nur hof­fen, dass die rou­ti­nier­ten War­nun­gen lang­sam aber si­cher zu sei­ner Ab­stump­fung füh­ren wer­den. De Maizière je­den­falls gibt sich kämp­fe­risch: »Wir las­sen uns durch den in­ter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus weder in un­se­ren Le­bens­ge­wohn­hei­ten noch in un­se­rer frei­heit­li­chen Le­bens­kul­tur ein­schrän­ken.« Nein, durch den Ter­ro­ris­mus si­cher nicht. Schon eher durch eine pa­ra­no­ide Si­cher­heits­ma­nie.
Axel Weipert
Axel Weipert promoviert in Neuerer Geschichte an der Freien Universität Berlin zu einem Thema der Arbeiterbewegung, ist einer der Gründer und regelmäßiger Autor von das Dossier.

© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. |
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