Scheitern als Chance?
Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Blog-Karneval von “Der Kongress bloggt!”
Das Wort “Krise” bezeichnet im Altgriechischen einen Wendepunkt, an dem eine Entscheidung getroffen werden muss, welche Richtung eingeschlagen werden soll. Im modernen Sprachgebrauch ist das Wort “Krise” jedoch rein negativ konnotiert. Während der Kuba-Krise stand die Welt am Abgrund, wenn eine Ehe eine Krise durchlebt, so wird dies grundsätzlich als negativ empfunden – der Nebenbuhler sieht dies freilich etwas anders. Wahrscheinlich ist die durchweg negative Konnotation des Wortes “Krise” eher ein Beleg für unsere Phantasielosigkeit, unsere Risikoscheu und für unsere konservativ geprägte Weltsicht. Eigentlich wäre es uns am Liebsten, wenn die Welt sich ganz einfach weiterdrehen und sich ansonsten nicht allzu viel ändern würde. Ein dramatischer Wendepunkt, an dem ein “weiter so” keine Option ist, entspricht hingegen nicht unserem Bild von einer geordneten Welt.Die Öffentlichkeit versteht daher unter Krisenbewältigung auch zunächst einmal das Beseitigen des Wendepunkts, der die Krise ausmacht. Populäre Strategien sind daher das “Aussitzen” von Krisen oder besser noch die Verdrängung der Krisensituation aus dem eigenen Bewusstsein. Hätten Kennedy oder Chruschtschow die Kuba-Krise verdrängt oder ausgesessen, gäbe es die Welt vielleicht nicht mehr. Auch bei Ehekrisen ist Verdrängen und Aussitzen die denkbar schlechteste Strategie. Paradoxerweise gelten diese Erkenntnisse im öffentlichen und politischen Bewusstsein jedoch nicht, wenn es um die Finanz- und Wirtschaftskrise geht. Diese Vogel-Strauß-Strategie ist jedoch ein jüngeres Phänomen. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er stellte beispielsweise einen Wendepunkt dar, auf den die großen Volkswirtschaften ganz unterschiedliche Richtungsentscheidungen trafen. In den USA gewann der “linke” Kandidat Franklin D. Roosevelt die Präsidentschaftswahlen und läutete mit dem “New Deal” und rigiden Finanzmarktregulierungen einen echten Paradigmenwechsel ein. Die Deutschen trafen die verhängnisvolle Entscheidung, den rechten Populisten Adolf Hitler die Richtung des Landes diktieren zu lassen – Licht und Schatten, die Krise als Wendepunkt.
Wenn man “Krise” als Wendepunkt, an dem Richtungsentscheidungen unternommen werden müssen, definiert, dann hat es die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise nie gegeben. Obwohl es ein relativ kurzes Zeitfenster gab, in dem echte Paradigmenwechsel durchaus möglich waren, hat die Politik es weltweit vorgezogen, den Kopf lieber in den Sand zu stecken. Die Staaten haben zwar weltweit ihre Banken “gerettet” und den Keynesianismus wiederentdeckt, als sie gigantische Konjunkturprogramme auflegten. Jedoch waren die Korrekturen am Finanzsystem eher kosmetischer Natur. Man konnte sich nicht dazu durchringen, die Finanzmarktarchitektur oder die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu reformieren. Alle Welt sieht, dass bereits das Fundament unseres Hauses bröckelt, aber wir begnügen uns damit, die Fensterläden neu zu streichen.Opfer und Täter – die Grenzen sind verwischtWer ist eigentlich “wir”? Ist es nicht vielmehr der unübersichtliche Sumpf aus Lobbys und Politik, der ernsthafte Korrekturen am System vermeiden will? Nein, allen Defiziten zum Trotz haben wir eine Demokratie und es wird niemand mit vorgehaltener Waffe gezwungen, sein Kreuz bei den Parteien zu machen, die jegliche Reformen des Systems ablehnen. Von einem lauten oder auch stillen Protest an der Wahlurne kann aber hierzulande gar keine Rede sein. Im Gegenteil: Ein Volk, das “aus Protest” bei den letzten Bundestagswahlen die FDP gewählt hat, will keinen Paradigmenwechsel. Punkt. Es ist natürlich einfacher, Schuld und Verantwortung auf “die da oben” abzuwälzen, so einfach ist die Welt aber leider nicht. Systemkonforme Politiker, Lobbyisten und Medien mögen uns ja mit ihrer Ideologie indoktriniert und uns die Waffen an den Kopf gesetzt haben, den Abzug haben wir jedoch selbst gedrückt. Das war 1932 nicht anders als heute. Dies alles entlastet die Verantwortlichen aus Politik, Wissenschaft, Medien und Wirtschaft natürlich um kein Jota – der Umkehrschluss, das Volk sei kollektiv ein Opfer, ist jedoch genauso unhaltbar.Kollektivschuld?
Wer die Folgen kollektiven Handelns nicht auch kollektiv verantworten will, stiehlt sich aus der Verantwortung. Das heißt natürlich nicht, dass man von der Schuld des Kollektivs auch auf die individuelle Schuld des Einzelnen schließen darf. Auch in unserer Gesellschaft gibt es viele Anständige, die weder persönliche noch kollektive Schuld auf sich geladen haben. Die Vogel-Strauß-Strategie unserer politischen Repräsentanten ist jedoch gleich mehrfach durch die absolute Mehrheit des Volkes demokratisch legitimiert worden und auch heute besagen die Umfragen, dass diese Linie von einer übergroßen Mehrheit des Volkes ausdrücklich gebilligt wird. Diese Verdrängungshaltung der Wähler ist dabei mehr als schizophren. In diversen Umfragen bekennt sich die Mehrheit der Wähler zwar zum Wunsch nach grundlegenden Reformen des Finanzsystems. Wenn allerdings zur Urne gerufen wird, macht diese Mehrheit ihr Kreuz bei den Parteien, die grundlegende Reformen ablehnen. Ist dies fortgeschrittene kognitive Dissonanz? Unwissen? Schizophrenie? Oder haben Themen wie das Finanz- und Wirtschaftssystem beim Wähler eine derart geringe Priorität, dass er sein Kreuz bei der Partei mit der größten Schnittmenge macht, obwohl sie beim konkreten Thema teils diametrale Ansichten hat? Wahrscheinlich liegt die Lösung irgendwo zwischen diesen Punkten und ist zudem mit der selbstverschuldeten und selbstauferlegten Unmündigkeit des Wählers zu erklären. Auch wenn der Wähler sich nicht mit dem Programm der Parteien auseinandersetzen will, so glaubt er dennoch felsenfest daran, dass “seine Partei” schon das Richtige tut. Dieses Erfolgsrezept hat der katholischen Kirche immerhin schon zwei Jahrtausende die Schäfchen zugetrieben.Wenn eine Krise der Wendepunkt ist, an dem eine Richtungsentscheidung nötig ist, kann natürlich auch ein “weiter so” eine Richtungsentscheidung sein, wenn man die Krise ganz einfach vertagt. Wenn es in der Ehe kriselt, kann man sich schließlich vor der nötigen Richtungsentscheidung drücken, indem man ganz einfach auf Tauchstation geht. Langfristig hilfreich ist eine solche Verweigerungsstrategie allerdings nur in den seltensten Fällen. Meist führt das Vertagen der eigenen Richtungsentscheidung lediglich dazu, dass man das Heft des Handelns aus der Hand gibt und die richtungsweisenden Entscheidungen ohne eigenes Zutun geschaffen werden. Das Zeitfenster des Handelns hat sich bei der Finanz- und Wirtschaftskrise bereits wieder geschlossen. Auf nationalstaatlicher Ebene will niemand die notwendigen Reformen anpacken und supra- und internationale Lösungen sind nur dann möglich, wenn die Bedrohung für alle Beteiligten akut ist.Vertane Chance
Die Krise ist jedoch momentan nicht so akut, als dass sie im öffentlichen Bewusstsein eine relevante Rolle einnehmen würde. Die Angst, morgen am Geldautomaten leer auszugehen ist nun einmal greifbarer als abstrakte Szenarien einer Transferunion oder billionenschwere Rettungsschirme. Die Finanzkrise ist jedoch nicht vorbei, ihre Symptome sind lediglich zeitweilig abgeklungen, die Pathogenese wurde noch nicht einmal ernsthaft in Angriff genommen. Pathologisch lässt sich die Situation wohl am ehesten mit einem Hirntumor vergleichen. Die akute Schmerzphase ist dank wirksamer Medikation erst einmal abgemildert, dafür ist jedoch die aktuelle Wahrnehmung durch Medikation und den Tumor stark eingeschränkt und der Patient will nicht wirklich wahrhaben, dass er eine Richtungsentscheidung treffen muss, die man nicht einfach aussitzen kann.Unser Versuch, die Krise auszusitzen, ist also eine passive Richtungsentscheidung, die noch auf uns zurückkommen wird. Wie ein kleines Kind sitzen wir auf unserem Bettchen und halten uns Augen und Ohren zu und hoffen, dass unsere Verdrängungsmechanismen die böse Realität wegfegen werden und alles wieder so wird, wie wir es uns wünschen. Nichts Derartiges wird passieren. Unser Scheitern, der Realität ins Auge zu blicken, macht die Sache nur schlimmer. Doch in unserem Scheitern steckt natürlich auch eine Chance. Bei den nächsten akuten Krisensymptomen wird es wieder ein Zeitfenster geben, in dem man Richtungsentscheidungen treffen kann. Hoffentlich werden es die richtigen Entscheidungen sein.Jens Berger© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2011. | Permalink | 23 Kommentare |
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