Schon am Tag des Mauerbaus wünschte man sich, es möge rasch vorbei gehen
Die Mauer muss weg!
Doch als es dann wirklich vorbei war – Treppenwitz der Geschichte: Als zufällige Folge einer grottenlangweiligen SED-Pressekonferenz, auf welcher es um andere Themen gehen sollte – war niemand darauf vorbereitet. Nicht in Berlin und erst recht nicht in Bonn. Noch nicht einmal Gorbatschows Equipage wusste, was in solcher Situation zu tun sei.
„Blin – Berlin ohne Grenzen!? Stena propala? Sollte man den Chef wecken? Oder besser nicht?“
So ist es nun auch bei uns innerfamiliär. Jahrzehntelang rieten wir dem Rat der Ältesten: „Zieht weg aus Sachsen-Anhalt! Kommt lieber zu uns nach Potsdam (und/oder) Berlin!“, doch nie passierte was. 80.000 Kilometer sind allein in diesem letzten Jahr verballert wurden, soundsoviel Liter Sprit geflossen – nix! Nun soll der Umzug am besten gleich morgen stattfinden.
Oma surft im Netz, checkt die Angebote der Wohnungsmärkte, ist nun bei allen möglichen Immobilienscouts registriert, wird fündig und jubelt:
„Ich habe etwas gefunden, was haargenau unseren Vorstellungen entspricht. In Groß Glienicke. Das ist – so wie ihr es doch ebenfalls wollt – einerseits nahe an Berlin und andererseits in der Natur. Dort könnten wir gut und gern alle gemeinsam wohnen…“
Im Bruchteil einer Sekunde verstehe ich, dass es weiterer Ratschläge bedarf, einer langen Einweisung, zahlreicher Erklärungen, diverser Instruktionen… - Wie sagt man’s seinen Eltern?
Erste Reaktion:
„Aber Mama – Groß Glienicke liegt bei Spandau und nicht bei Berlin!“
Spandau ist etwa so weit von Berlin entfernt, wie Köln oder Leipzig. Die formale Zugehörigkeit ist nur Folge eines unüberlegten Verwaltungsaktes. Beide Soziotope haben – eigentlich – nichts miteinander zu tun, Spandau verhält sich zu Berlin wie die Krim zur Ukraine.
Für meine Frau besteht Berlin nur aus dem Stadtteil Charlottenburg, und befindet sich, wo man auf Russisch nach dem Weg gefragt wird, wo man nachts und jederzeit sonst Pelmeni kaufen kann, weil der Russenladen – pfiffigerweise am Bahnhof Charlottenburg installiert - rund um die Uhr geöffnet hat (it’s Reisebedarf) und wo Russkoje Radio Berlin die Staumeldungen in einer ihr verständlichen Sprache liefert.
Von einer meiner Töchter lernte ich, dass es total normal ist, in Potsdam-Eiche Seminare zu besuchen und das zugehörige Quartier in Friedrichshain aufzuschlagen.
Dabei ist Berlin keine Ost-West-Problematik: Kreuzberg und Friedrichshain wachsen zusammen, als haben diese Stadtteile immer schon zusammen gehört. Gleichwohl bleibt Hohenschönhausen vom Prenzlauer Berg so weit entfernt wie Zehlendorf von Neukölln.
Berlin ist die kürzeste Verbindung zwischen Istanbul und Moskau, aber Spandau liegt außerhalb der Stadt.
Filed under: Familie Tagged: Berlin, Ortswechsel, Spandau
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