Sommerposse in blau-weiß

Es liegt wohl am Sommerloch, dass der vermeintliche Streit um die Fanhymne des Fußballvereins Schalke 04 ihren Weg in die Medien fand. Kaum war aber der Geist aus der Flasche, empörte sich die Republik. Ein paar versprengte und verbohrte Muslime gaben vor, beleidigt zu sein, und die BILD-Zeitung kämpft derweil für den Erhalt deutschen Gaga-Liedtums. Extremisten aller Lager vereinigt Euch – das Sommerloch gehört Euch, für Kollateralschäden wird keine Haftung übernommen.
Was ist eigentlich passiert? Seit dem Jahre 1963 singen die Schalker Fans ihre Vereinshymne. Eine Textzeile dieser Hymne lautet:
„Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht. Doch aus all der schönen Farbenpracht, hat er sich das Blaue und Weiße ausgedacht.“
Wer anfängt, etwas in eine Fußballhymne hineinzuinterpretieren, hat von vornherein verloren. Das seltsam anmutende Auftauchen des muslimischen Propheten hat einen ganz einfachen Grund. Die Schalke-Hymne geht auf das alte Volkslied „Lob der grünen Farbe“ zurück, das Ludwig Karl Eberhard Heinrich von Wildungen im Jahre 1797 geschrieben hatte. Dort heißt es:
„Mahomed ist mein Patron! Aechte Schönheit kannt´ er schon.
Er, dem aus der Farbenschaar, nur die grüne heilig war.
Leben soll er, Herr Prophet, der auf Farben sich versteht!“
Der Text der Schalke-Hymne ist also eine schmissige – vielleicht nicht eben tiefgründige – Persiflage auf ein Volkslied des späten 18. Jahrhunderts. Populäres Liedgut aus dem Umfeld des Fußballs, gesungen und gegröhlt aus zehntausenden von Kehlen.
Die türkische Zeitung Hürriyet fand es jedenfalls mitten im Sommerloch berichtenswert, dass im fernen Gelsenkirchen der Prophet besungen wird. In einem unaufgeregten Artikel berichtete ein Gelsenkirchner Journalist über die Schalke-Hymne. Wäre es dabei geblieben, man hätte nichts mehr über das Thema gehört. Die Hürriyet wird allerdings auch von ein paar Berufsbeleidigten gelesen, die das umstrittene Blog „Muslim-Markt“ herausgeben. Dort empörten sich die üblichen Verdächtigen und witterten eine Verhöhnung ihres Propheten. Um nicht alleine empört zu sein, bat man die Leser auch gleich, dem FC Schalke 04 „in aller Freundlichkeit und Sachlichkeit“ Protestmails zu schicken. Natürlich blieben nicht alle Leser freundlich und sachlich, und einige der 350 Mails, die den Verein erreichten, waren wohl so unfreundlich und unsachlich, dass der Fußballverein einen „Islam-Experten“ hinzuzog.
Auf einen solchen Vorfall hatten Teile der Presse natürlich nur gewartet. Natürlich spielt es keine Rolle, dass 350 Mails aus dem Umfeld eines umstrittenen Weblogs keinesfalls die Stimme „der Muslime“ verkörpern – so etwas stört die Medien aber nicht, wenn es gilt das Sommerloch zu füllen, und den Streit der Kulturen hochkochen zu lassen. „Nach dem Protest der Muslime – Muss Schalke-Hymne umgeschrieben werden?“ titelte beispielsweise die BILD-Zeitung. BILD-Kolumnist F. J. Wagner fühlte sich gar dazu berufen, einen offenen Brief an den FC Schalke 04 zu schreiben: „Was mich nervt, ist dieses Einbrechen vor dem Islam. Ah, der Islam! Vorsicht! Kopf einziehen! Kein falsches Wort! Kein Leichtsinn! Kein Schweinefleisch! Kein Witz!“ Wagner versäumt natürlich zu erwähnen, dass niemand vor dem Islam „eingebrochen“ ist – niemand auf Schalke spielte auch nur mit dem Gedanken, die Hymne zu ändern. Die einzigen Stimmen, die dies forderten, waren die Sparring-Partner der BILD, die im Blatt auf Befehl ihre Bedenken zu Papier gaben.
Muslim-Markt und BILD führen ein Scheingefecht aus, das eigentlich niemanden interessiert. Nur durch die Popularität der BILD wurde aus dieser vermeintlichen Posse überhaupt erst ein Thema. Man mag nurmehr den Kopf schütteln, wenn nun sogenannte „Islam-Experten“ Parallelen zum Karikaturenstreit aufzeigen. Im schlimmsten Falle könnte so etwas zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden – die Extremisten beider Lager lieben es, sich gegenseitig eine Steilvorlage zu geben. Ohne sie wäre die Welt ja schließlich vernünftig – und Vernunft ist der Feind des Extremismus. Wahrscheinlich muss Deutschland nicht lange warten, und auch Berufsextremist Henryk M. Broder meldet sich zu Wort und beklagt das Einknicken vor „dem Islam“, der dem Teutonen sein Liedgut verbieten will. Momentan ist Broder allerdings mit anderen Scheingefechten beschäftigt.
Dabei sieht „der Moslem“ das ganze Spektakel gänzlich unaufgeregt und humorvoll. Aiman A. Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, sieht sich keineswegs beleidigt. Es läge in der Natur der Sache, dass der Prophet vom Fußball nichts verstehen könne, schließlich lebte er ja lange vor der Erfindung des Fußballs. Er hätte über die Schalke-Hymne wahrscheinlich zustimmend gelacht, so Mazyek. Man solle nun aber die Moschee im Dorfe lassen und sich wichtigeren Dingen zuwenden. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Bleibt abzuwarten, wann Muslim-Markt und BILD-Zeitung etwas von dem alten Kinderreim “Allah ist groß, Allah ist mächtig, wenn er auf den Stuhl steigt, ist er ein Meter und sechzig” Wind bekommen. Stoff genug für das nächste Scheingefecht im Sommerloch gibt es an jeder Ecke.
Jens Berger

© Spiegelfechter for Der Spiegelfechter, 2009. |
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