Teile und herrsche

Ein exponierter Vertreter des Großbürgertums pöbelt gegen die Unterschicht und die Mehrheit des Volkes – darunter sicher auf viele Angehörige der angesprochenen Unterschicht – gibt ihm recht. Die öffentliche Diskussion um die neuesten polemischen Spitzen des Bundesbankers, SPD-Politikers und ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin nimmt von Tag zu Tag abstrusere Formen an. Hatte Sarrazin früher mit Vorliebe gegen die gesamte Berliner Unterschicht gepöbelt, zerrte er in seiner neuesten Philippika türkische und arabische Migranten in den Mittelpunkt seiner Angriffe – und siehe da, das Volk ist endlich auf einer Linie mit Pöbel-Thilo. Das alte Herrschaftsprinzip „divide et impera“ (teile und herrsche) hat anscheinend bis heute nichts von seiner Wirkmächtigkeit verloren.
Provokation reloaded
Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls durften zahlreiche Intellektuelle und Thilo Sarrazin im Berliner Kulturblatt „Lettre International“ über die Situation und die Zukunft der Bundeshauptstadt reflektieren. Wer Sarrazins regelmäßige Tiraden gegen das Berliner Subproletariat bereits kennt, für den bieten weite Teile des Interviews nichts Neues. Zunächst lässt sich Sarrazin langatmig über die Ursachen der Berliner Misere aus – während des kalten Kriegs zogen die meisten „Leistungsträger“ weg und wurden durch die „Achtundsechziger“ ersetzt, „Menschen, die gerne beruflich aktiv waren, wurden durch solche ersetzt, die gerne leben“, wie Sarrazin es ausdrückt. In der Folge sei keine andere Großstadt dermaßen deindustrialisiert und habe eine derartige Subventionsempfängermentalität wie Berlin. Für die Zukunft Berlins schwant dem Bundesbanker böses – 40% aller Geburten fänden in der Unterschicht statt und da für Sarrazin der Begriff „soziale Mobilität“ schon immer ein Fremdwort war, bedeutet dies für ihn, dass Berlin über Generationen hinweg zu einem dystopischen Moloch werde, wenn man nicht gegensteuert. Als oberstes Primat hat der Bundesbanker dabei die Neuordnung der finanziellen Förderung von Kindern ausgemacht – solange die Unterschicht für ihre Vermehrung finanziell alimentiert würde, wäre keine Änderung dieser Schieflage in Sicht. Kinder ja, aber nicht für jedermann, so Sarrazins schlichte Botschaft.
So weit, so schlecht – mit derlei unappetitlichen Vorstößen ist der leidenschaftliche Provokateur des Großbürgertums schon des Öfteren angeeckt. In seinem Interview mit „Lettre International“ wagt sich Pöbel-Thilo diesmal jedoch noch ein wenig weiter vor und unterzieht die von ihm so verachtete Unterschicht einer ethnischen Sezierung. Migranten und Deutsche mit Migrationshintergrund seien überproportional häufig unter dem Berliner Fünftel anzufinden, das von Hartz IV lebt. Aber Migrant ist für Sarrazin nicht gleich Migrant. „Gute“ Migranten sind für ihn vor allem die osteuropäischen Juden, deren Nachwuchs zu 85% Abitur macht. Aber auch Vietnamesen, Osteuropäer, Asiaten und Russlanddeutsche – die laut Sarrazin noch „eine altdeutsche Arbeitsauffassung haben“ – finden bei ihm Gnade. Auf der anderen Seite stehen bei ihm jedoch die „schlechten“ Migranten, die „Kopftuchfrauen“, die kleine „Kopftuchmädchen“ wie am Fließband gebären, aus der Türkei oder dem arabischen Raum kommen und mit ihrer Fertilität Deutschland feindlich übernehmen wollen, wie es die muslimischen Kosovaren bereits im Kosovo vorexerziert hätten.
Oswald Spengler reloaded
Sarrazins Gedankenwelt ist im konservativen Bürger- und Großbürgertum weitverbreitet – die geistigen Brandstifter tragen auch die Namen Broder und Giordano. In ihren Köpfen spukt ein Kulturkampf, in dem eine neue fremde Kultur das jüdisch-christliche Abendland über das Schlachtfeld der Kreißsäle erobern will. Die Argumentationen dieser Vordenker der „neuen konservativen Revolution“ sind dabei keineswegs neu – Oswald Spengler, Othmar Spann, Ernst Jünger und in gewisser Weise sogar Carl Schmitt gaben einst vor, was ihre Nachfolger heute der Gesellschaft als Tabubruch verkaufen wollen. Oswald Spengler beschrieb bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts den Untergang des Abendlandes in einer schrittweisen Verdrängung der „kulturfähigen Bevölkerung“ durch „primitive und nicht entwicklungsfähige Volksmassen“. Die Neokonservativen unsere Zeit erweisen sich hierbei als gelehrige Schüler des Kulturpessimisten. Wenn Sarrazin von „dem Vietnamesen“ spricht, der – so Sarrazin – kaum Deutsch spricht und Zigaretten verkauft, oder „dem Türken“, der „weder integrationsfähig und integrationswillig“ ist und bestenfalls als Obsthändler der Gesellschaft das zurückgibt, was er von ihr einfordert, so klingt dies wie Spengler reloaded:
Im Politischen gibt es keine Wahl; jede Kultur und jedes einzelne Volk einer Kultur führt seine Geschäfte und erfüllt sein Schicksal in Formen, die mit ihm geboren und die dem Wesen nach unabänderlich sind.
aus: Oswald Spengler – Der Untergang des Abendlandes
Während Spengler sich jedoch von jeder Form des „rassischen“ Denkens distanziert, überschreitet Sarrazin die Grenze zum Rassismus in einem Satz der Lettre-Interviews, der interessanterweise von den aufgeregten Medien jedoch kaum zitiert wird:
Man muss davon ausgehen, dass menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich. Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.
Thilo Sarrazin
Sarrazins Gedankenwelt ist jedoch nicht direkt mit der Oswald Spenglers zu vergleichen – während Spengler den Materialismus als kulturvernichtendes Element ausgemacht hat, ist Sarrazin ein lupenreiner Sozialdarwinist, dessen Gedanken ausschließlich rund um das goldene Kalb des Materialismus kreisen. Sarrazin ist demnach auch kein klassischer Rassist, er hat gar nichts gegen Ausländer, Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund – aber nur solange sie ihren ökonomischen Teil in der Gesellschaft beitragen. Erbringen sie weniger monetäre Leistungen, als sie von der Gesellschaft zugewiesen bekommen, sind sie unerwünscht.
Eugenik reloaded
Für Thilo Sarrazin ist nur Leben erwünscht, das der Gesellschaft einen ökonomischen Mehrwert erwirtschaftet. Türken und Araber gehören für Sarrazin nicht dazu – deutschstämmige Angehörige der Unterschicht allerdings auch nicht. Daher ist es auch Sarrazins Wunsch, die Vermehrung solch ungewollten Lebens durch eine Umstellung des Sozialsystems zu verhindern – wenn er vorschlägt, man müsse das System so ändern, dass man durch „Kinderreichtum“ nicht mehr seinen Lebensstandard verbessern können solle, so heißt dies im Umkehrschluss, dass Eltern, die an der Armutsgrenze lavieren, durch ihren Nachwuchs endgültig in die Armut abfallen sollen. Der Gedanke hinter diesen Äußerungen ist die Geburtenkontrolle im Vorfeld. Es sind jedoch nicht nur Kinder der Unterschicht, die die Gesellschaft potentiell mehr kosten, als sie einbringen. Auch Behinderte gehören in diese Kategorie. Wenn man Sarrazins Gedanken konsequent zu Ende denkt, so landet man bei der Eugenik, deren Vordenker Rassenhygiene durch die Vernichtung und Vermeidung „unwerten Lebens“ erreichen wollten. Vernichten will Sarrazin „unwertes Leben“ nicht – er will die Geburt solch „unwerten Lebens“ lieber bereits im Vorfeld vermeiden.
Bourgeoise reloaded
Thilo Sarrazin ist selbst ein Bundesbürger mit Migrationshintergrund – er entstammt einem hugenottischen Geschlecht, das vor Jahrhunderten seine Chance in der Migration nach Deutschland suchte. Die Sarrazins haben es geschafft, Thilo wurde als Sohn eines großbürgerlichen Arztes und einer westpreußischen Großgrundbesitzerin geboren. In Sarrazins Kreisen ist eine antiegalitäre Weltsicht keineswegs ungewöhnlich. Angehörige der unteren Klassen werden nur dann als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen, wenn sie dem Staat, der Gesellschaft und letztlich dem Großbürgertum treue Dienste leisten und Leistung erbringen. Eine Gesellschaft besteht allerdings nie nur aus Leistungsträgern nach Sarrazins Gusto, sondern auch aus den Mitmenschen, die für die Sarrazins dieser Welt dem Lumpenproletariat zugerechnet werden. Ginge es Thilo Sarrazin wirklich um Integration und Auflösung subproletarischer Milieus, so müsste er vor allem verstärkte Integrations- und Bildungsinvestitionen fordern. Sarrazin glaubt jedoch nicht an die soziale Mobilität. Der Sohn eines immigrierten persischen Arztes oder eines sowjetischen Intellektuellen ist für ihn zwar immer noch ein Migrant aber kein Problemfall, da er ganz nach Sarrazins Klassendünkel ja ein Angehöriger des Bürgertums ist.
Ein Erfolg der alten Bundesrepublik war es, die soziale Mobilität zu gewährleisten und es auch den Nachkommen subproletarischer Familien zu ermöglichen, sozio-ökonomische Positionen oberhalb der eigenen Schicht zu erlangen. Diese Klassendurchlässigkeit ist allerdings im Kreuzfeuer der neokonservativen Kritik und nimmt von Jahr zu Jahr ab. Das antiegalitäre Großbürgertum hat in den letzten Jahrzehnten seinen Siegeszug auch auf der politischen Bühne angetreten. Waren in der alten Bonner Republik noch die meisten Vertreter der politischen Eliten kleinbürgerlicher oder proletatischer Herkunft, so befanden sich in der letzten Bundesregierung mit Ulla Schmidt, Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier nur noch drei Arbeiterkinder auf der Regierungsbank, während erstmals mit Ursula von der Leyen, Thomas de Maizière und Karl Theodor zu Guttenberg gleich drei Vertreter des Großbürgertums Ministerposten bekleideten. In der neuen schwarz-gelben Koalition wird sich das Verhältnis wahrscheinlich noch weiter zugunsten des Großbürgertums verschieben.
Tabubruch reloaded
Es ist nicht zu bestreiten, dass Deutschland ein Integrationsproblem hat. Die von Sarrazin angesprochenen Fehlentwicklungen haben jedoch weniger eine ethnische sondern vor allem eine soziale Komponente. Die alten und neuen Unterschichten in Gelsenkirchen, Berlin oder Halle sind zuvörderst nicht deutsch, türkisch oder arabisch. Sie eint vor allem eins – sie sind arm und haben kaum Chancen, diesem Schicksal zu entkommen. Wer versucht, die Diskussion um Chancengerechtigkeit auf eine ethnische Schiene zu lenken, will nur einen Keil in die Gesellschaft treiben.
Gemäß dem Prinzip „teile und herrsche“ soll davon abgelenkt werden, dass es beinahe die gleichen Ursachen hat, warum Mehmet aus Berlin-Neukölln, dessen Vater Hartz IV-Empfänger ist, und Anna aus Berlin-Marzahn, deren Vater ebenfalls Hartz IV-Empfänger ist, kaum Chancen haben, selbst aus diesem subproletarischen Milieu herauszukommen. Wenn sich in BILD und RTL über die Hartz IV-Abzocker aufgeregt wird, so hat dies vor allem einen Grund – eine ganze Bevölkerungsschicht soll anhand einiger schwarzer Schafe stigmatisiert werden, so dass der gemeine Bürger auf der Straße nicht erkennt, worin die eigentlichen wirtschafts- und sozialpoltischen Probleme des Landes liegen. Solange der Bürger denkt, Hartz IV-Empfänger wären selbst für ihr Schicksal verantwortlich, und würden ihm als Steuerzahler betrügerisch auf der Tasche liegen, werden antiegalitäre Politiker weiterhin ihre neokonservative und neoliberale Politik betreiben können. Wenn sich Sarrazin nun über faule und integrationsunwillige Türken und Araber aufregt und von der konservativen Presselandschaft dafür mit klammheimlichem Beifall überschüttet wird, so wird dabei nur die nächste Sau durchs mediale Dorf getrieben. Nicht nur der deutsche Hartz IV-Betrüger, sondern auch „der Türke“ liegen also dem Steuerzahler auf der Tasche – und da „der Türke als solcher“ ja auch weder integrationswillig noch integrationsfähig ist, muss man den Sozialstaat gegen derlei ungewollte Kostenfaktoren abschirmen. Dass der Bürger auf der Straße letztendlich unter genau diesen Abschirmungen selbst am meisten leiden wird, wenn er im Alter von 50 Jahren von seinem Arbeitgeber vor die Tür gesetzt wird, und die Chancen seine eignen Kinder unter einem antiegalitären Bildungssystem ebenfalls leiden, erkennt er jedoch nicht – Teile und herrsche.
Diskussionsunfähigkeit reloaded
Sarrazins Philippika wäre nie von der Mehrheit der Bevölkerung begrüßt worden, wenn sich die Gesellschaft nicht bereits seit Jahrzehnten vor einer sachlich geführten Einwanderungsdiskussion drücken würde. Natürlich ist der rosarote Traum einer multikulturellen Gesellschaft gescheitert, natürlich gibt es vor allem bei Türken und Arabern ein massives Integrationsproblem, natürlich muss man darüber nachdenken und offen diskutieren, an welche Vorrausetzungen eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland geknüpft sein soll. Dies anzusprechen mag politisch unkorrekt sein, die Augen vor diesen Problemen zu verschließen, ist jedoch grundsätzlich falsch – mit Denkblockaden hat man noch nie Probleme lösen können.
Wenn eine Gesellschaft keine soziale Mobilität zulässt, entstehen automatisch Parallelgesellschaften – dies hat nichts mit dem Islam oder mit der Staatsangehörigkeit zu tun und trifft auch auf deutsche subproletarische Milieus zu. Was für den einen der Koran und das Kopftuch, ist für den anderen RTL II und das Arschgeweih. Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer – vor allem für die Großstädte, die überproportional vom Armutsproblem betroffen sind, ist dies eine Herausforderung für die Zukunft. Dieser Herausforderung wird man allerdings nicht durch eine implizite Geburtenkontrolle begegnen können und auch der Ruf nach einem Verbot des Zuzugs von türkischen Ehepartnern verhalt ohne Wirkung – Deutsche mit Migrationshintergrund sind zu allererst Deutsche und man kann keinem Bürger verbieten, den Ehepartner seiner Wahl ins Land zu holen.
Sarrazins Denkanstöße gehen wie immer in die falsche Richtung. Es ist sicher richtig, dass die Finanzlage des Berliner Senats katastrophal ist. Grund dafür sind jedoch nicht türkischstämmige Migranten, die am Fließband kleine Kopftuchträgerinnen in die Welt setzen, sondern ein soziales Milieu, das die Gesellschaft alleine im letzten Jahr mehr gekostet hat, als alle Migranten in der Geschichte der Bundesrepublik zusammen – die Banker. Sarrazin täte daher besser daran, sich an die eigene Nase zu fassen. So viel Steuergelder, wie alle „kleinen Kopftuchträgerinnen“ den Staat in ihrem ganzen Leben kosten, verbrennt ein durchschnittlicher Banker in einer besseren Frühstückspause – Pöbel-Thilo, übernehmen sie.
Jens Berger

© Spiegelfechter for Der Spiegelfechter, 2009. |
Permalink |
No comment |
Add to
del.icio.us

Post tags:

Feed enhanced by Better Feed from Ozh

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Allowed HTML tags: <img> <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

Wer ist online

Zur Zeit sind 0 Benutzer und 3 Gäste online.

Suchbegrife für Internet-Seite