Russand

Fälscher der Fälschungen

40 Tausende Protestierende in Moskau klingt zunächst beeindruckend. Setzt man sie jedoch zu der Gesamtzahl der Bewohner Moskaus (ca. 11 Mio. Menschen, die Agglomeration außen vor gelassen) ins Verhältnis, sind aber ganze 0,0036%.

"Gelesen hab' ich's nicht, doch dagegen bin ich schon"

Das Urteil gegen Michail Chodorkowski hat in den westlichen Medien einen neuen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Überall wird Russland Willkürjustiz und ein großer Imageschaden in Sachen Rechtstaatlichkeit bescheinigt. Dabei demonstriert der Umgang mit diesem Thema auf eine anschauliche Weise das verfaulte und verantwortungslose Wesen der freiwillig gleichgeschalteten westlichen Journaille.

Antisowjetisch. Antiwestlich. Prorussisch.

Ein Titan geht. Für Alexander Solženicyn ist dieses Wort nicht zu pathetisch, denn wohl kaum lässt sich eine Person finden, die in der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts eine vergleichbare Stellung einnahm. Zugleich gibt es wohl kaum einen Menschen, dessen individeller politischer Beitrag zum Sturz des kommunistischen Systems größer war, als der von Solženicyn, auch wenn gelegentlich Ronald Reagan oder gar Johannes Paul II. zu solchen hochstilisiert werden. In Wahrheit war die "im Felde unbesiegte" Sowjetunion weder an den Drohgebärden Ronald Reagans noch an der Papstverehrung im Ostblock-Peripheriestaat Polen zerbrochen. Den eigentlichen moralischen Todesstoss versetzte ihr Alexander Solženicyn mit seinen Romanen "Ein Tag im Leben von Ivan Denisovič" und "Der Archipel Gulag". Auch wenn der Tod danach nicht sofort eingetreten ist, war dem kommunistischen System eine Giftportion sondergleichen verabreicht worden, die langsam aber stetig wirkte und sie von ihnen zersetzte. Die durch Solženicyn angesägten moralischen Tragsäulen waren denn auch dafür verantwortlich, dass die UdSSR ab 1985 von innen heraus implodierte - mit all den positiven und negativen Konsequenzen bis heute.Anfangs ein willkommenes Werkzeug in den Händen des Westens, nahm Solženicyn jedoch dann aus westlicher Sicht eine sonderbare Entwicklung, die sich so gar nicht in die Verhaltensmuster handelsüblicher Lakaien-Dissidenten wie Bukovsky oder Bonner einreihen wollte. Solženicyn war weit davon entfernt, die westliche Lebensweise zu vergöttern. Er offenbarte stattdessen eine sehr heimatverbundene, patriotische und konservative Ader, die stark an Dostoevsky, aber auch an die Weißgardisten erinnerte.Nach seiner Rückkehr ins Jelzin'sche Russland des moralischen Verfalls und des Raubkapitalismus war Solženicyn trotz seiner Verdienste um die Auseinandernahme der alten SU, schnell zu unpassend und zu unbequem geworden. Auch das Jelzin Solženicyn 1998 mit einem Staatspreis ehren wollte, was dieser empört ablehnte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die prowestlich-liberale Clique an der Spitze des Staates und der Wirtschaft einen Prediger der Rückbesinnung auf urrussische Tugenden á la Dostoevsky nicht gebrauchen konnte und als einen Anachronismus verstand.Erst unter Vladimir Putin ist Solženicyn wieder zu den Ehren gekommen, die ihm gebührten. Nicht nur, dass der Präsident den gebrechlichen alten Giganten mehrfach mit großem Respekt in dessen Haus bei Moskau besuchte. Auch in seinen Staatsreden griff er explizit Solženicyns Aussagen auf, wonach die "nationale Idee", nach der Russland derzeit so verzweifelt sucht, in der "Bewahrung des Volkes" - moralisch und physisch - liege. Wer Russlands Niedergang in der postsowjetischen Periode kennt, wird diese Worte in all ihrer Tragweite verstehen. Solženicyns demonstrierte zugleich seinen Respekt für Putin, der mit entschlossenem Handeln zur Stärkung und Stabilisierung des sich zuvor im freien Fall befundenen Landes beitrug.Solženicyns Harmonie mit Putin sorgte indes im Westen für Irritationen. Wie könne es sein, dass ein ehemaliges Gulag-Opfer für einen "KGB-Offizier" schwärmt? Dass er das westliche Modell der hohlen Konsumgesellschaft ablehnt? Dies sei wohl nur durch die im Alter einsetzende Senilität und Anpassungsunfähigkeit an die Moderne zu erklären. Doch im SPIEGEL-Interview, das der 88-jährige Solženicyn im Jahr 2007 noch gab, nahm er höchst geistesgegenwärtig und treffend zu diesen "Anschuldigungen" Stellung. Dies bewahrte ihn dennoch nicht davor, dass er dem Westen als ein halber Verräter im Gedächtnis bleiben wird und vor allem die eindimensionalen Amerikaner mit Kommentaren wie "Solženicyns beflecktes Vermächtnis" ihm ins noch frische Grab spucken. Andererseits müsste man sich als russischer Patriot aber auch Sorgen machen, wenn einen die Amerikaner zu sehr loben.

E wie einfach, U wie unsinnig

Die EU will mit Russland erstmals seit dem Georgienkrieg wieder Gespräche aufnehmen. Was an sich positiv ist, erscheint vor dem Hintergrund des von der europäischen Seite zuvor künstlich geschaffenen Streits, eher natürlich und nicht sonderlich bemerkenswert. Doch selbst hier finden sich sogleich sogenannte Kommentatoren, die voller Empörung davon erzählen, dass Europa buckelt, anstatt prinzipientreu zu bleiben. Welche Prinzipien, möchte man da fragen. Einen psychisch kranken Kriegsbrandstifter zu unterstützen, während die Frage nach der Kriegsschuld von vornherein als "unwesentlich" erklärt wird?Zur Aufhebung der Gesprächsblockade bewegte die EU wohl der Realismus, der relativ schnell einkehrte, sobald die ersten russophoben Reflexe wieder verflogen sind. Ohne Russland lässt sich auf dem Kontinent eben vieles nur schwer lösen. Außerdem entpuppte sich die Bestrafungswirkung, die man sich durch das Aussetzen der Verhandlungen in Brüssel versprochen hatte, komplett als ein Schuss ins Blaue. Den Russen war das Ganze herzlich egal und an einem neuen Abkommen war vor allem die EU selbst interessiert, was schnell wieder deutlich wurde. Dieser ziemlich dämliche Zickzackkurs ist symptomatisch für die ganze verkrampfte, reflexartige und irrationale Russland-Beziehung in den Hauptstädten Europas.Um das Gesicht nicht zu verlieren, musste die Rückkehr zu Normalität natürlich erst mit etwas "prinzipientreuer" Rhetorik vermischt werden. So verlangt es das Ritual. Die neuen Verhandlungen mit Russland würden von Seiten der Europäer aber "hart geführt" werden, tönt es da aus einer Ecke. Ob in Russland jetzt jemand Angst bekommen hat? Die neue Verhandlungsbereitschaft sei keine Belohnung für Moskau, tönt es aus einer anderen Ecke. Keine Sorge, wir wissen, dass es lediglich die hastige Korrektur eigener Dummheit ist. Aber das Stichwort Belohnung ist trotzdem sehr interessant.Interessant vor allem deshalb, weil es die Selbsteinschätzung vieler Politiker der EU offenbart. Noch immer verstehen sich viele als höchste moralische Autoritäten, deren unendlich kostbare Verhandlungsbereitschaft bereits eine große Belohnung für verschiedene "böse Bengel" darstellen muss. Kein Wunder, dass mit derart absurder Wahrnehmung von sich und dem Gegenüber Reibungen vorprogrammiert sind. Wieviel Raum eine solche Haltung den Argumenten und dem Verständnis der anderen Seite lässt, kann sich jeder vorstellen.Solange die Europäer nicht von ihrem hohen moralisch-zivilisatorischen Ross runterkommen, den sich sich selbst eingeredet haben, wird es keinen zufriedenstellenden Dialog mit Russland, im Gegensatz zu vielleicht Albanien, geben. Europa scheitert an seiner Verbohrtheit und hängt noch zu sehr am bequemen alten Beziehungsmuster, als man mit Russland noch wie mit einem Schuljungen umgehen konnte. Doch die Zeiten haben sich längst geändert. Das sieht man unter anderem daran, wie schnell Europa von den eigenen diplomatischen Eskapaden zurückrudern muss. Das nebeneinander Überleben von sturem Überlegenheitswahn und teilweise gegenteiligen Realitäten, ist eine bizarre Spezifik der europäischen Beziehung mit Russland. Die Überwindung dieser Kluft durch das Anpassen der eigenen Einstellungen zugunsten einer vernünftigen und sachgemäßen Politik und durch das Lernen zuzuhören, ist für Europa eine existenzielle Aufgabe. Sonst werden solche sinnlosen Verirrungen an der Tagesordnung bleiben. Und als EU-Bürger muss man sich weiterhin für die inadäquate Politik schämen.

WELTfremde Propaganda

Journalismus unterster Qualität, dessen Ziel nicht die Informierung der Leser, sondern plumpe Hetze ist, präsentiert einmal wieder Die Welt. Diesmal geht es um einen neuerlichen sich anbannenden Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine. Der wahre Sachverhalt sieht so aus, dass die Ukraine Gasschulden für das Jahr 2008 in Höhe von 2,5 Mrd. US-Dollar angehäuft hat. Die politische Krise in der Ukraine, ausgelöst durch das verbissene Machtgerangel der sogenannten demokratischen Kräfte, hat sich mit der weltweiten Finanzkrise überlagert und das Land in eine schwere wirtschaftliche Krise gestürzt, die durch einen Rückgang des BIP und eine galoppierende Inflation gekennzeichnet ist. Die Spekulation der ukrainischen Führung darauf, die Bezahlung für Gas an Russland hinauszuzögern, hat das Land noch viel mehr bestraft: der Wechselkurs der Griwna zum US-Dollar, in dem die Gasgeschäfte abgehandelt werden, hat sich in den letzten Wochen verdoppelt.Da in dieser Situation absehbar ist, dass die Ukraine die Schulden bis Jahresende nicht begleichen und dadurch kein neuer Vertrag für 2009 abgeschlossen werden kann, hat der stellvertretende russische Ministerpräsident Zubkov die EU informiert, dass es wieder zu einem Szenario wie 2005 kommen kann: die ukrainische Führung könnte das fremdbestimmte Gas abzweigen, das durch seine Leitungen Richtung Europa fließt. Prompt tituliert Die Welt unter kompletter Entstellung des Sachverhalts: Russland droht Ukraine und Europa mit Lieferstopp. Die Kerninformation über die ukrainische Zahlungsunwilligkeit steht sehr weit und sehr unscheinbar unten, wo die meisten Emotionen schon ausgelöst sind und viele Leser gar nicht mehr nachschauen. Diese Zeitung, bestückt mit solchen russophoben Berufshetzern wie Manfred Quiring und Gerhard Gnauck, hat ihrem tendenziosen Namen mal wieder alle Ehre gemacht. Das Ganze ist ein weiteres Beispiel, wie tief der deutsche Journalismus gesunken ist und wie verbissen einige Verlagshäuser daran arbeiten, zwischen den Deutschen und den Russen Zwietracht zu säen. Und das, obwohl die Mehrheit der Leser in den Kommentaren solchen Darstellungen widerspricht. Man könnte fragen, warum sich die veröffentlichte Meinung so oft und so sehr auf eine mafios anmutende Weise von der öffentlichen unterscheidet und wann endlich auch repräsentative und vernunftbegabte Stimmen in den Zeitungen abgedruckt werden.Profitieren kann von solch einer Berichterstattung niemand, zumindest in Europa. Nur eine außereuropäische Macht reibt sich fröhlich die Hände, wenn sie sieht, wie kleine Berufsgoebbelse gegen Russland mitten in Europa hetzen oder wie neue Spannungen aufkommen, die es erlauben, Russland an den Pranger zu stellen, ganz gleich, wer wirklich recht hat. Russland wird in eine Situation gebracht, in der es, um Problemen zu entgehen, auf seine Basisrechte, wie die Bezahlung seiner Ware verzichten muss, weil Regeln eben nicht für alle gleich gelten sollen. Die Amerikaner nutzen jede politische Bewegung, um Russland einzuschnüren. Erst vor kurzem schloss USA mit der Marionettenregierung in der Ukraine ein strategisches Bündnis, das die "Sicherheit" der Ukraine garantiert. Soll heißen: die Ukraine kann jetzt unbestraft jede Finte drehen, ohne im Gegenzug etwas befürchten zu müssen. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir erleben, das Recht nur dann gilt, wenn es den Amis geopolitisch nicht zuwiderläuft. Die Amis sollten bloß aufpassen, dass Russland bei diesem faulen Spiel mit dem Rücken zur Wand stehend bald nichts mehr zu verlieren haben wird mit allen daraus folgenden militärischen Konsequenzen.

Die Wahrheit über den Ossetienkrieg

Der russische Internet-TV-Kanal Russia.ru zeigt unter www.war080808.com/deutsch die im Westen vielfach zensierten Bilder über den Kaukasus-Konflikt vom August. Während Georgien 3,4 Milliarden US-$ "Aufbauhilfe" kassiert, die größtenteils wohl in neue Bewaffnungen fließen werden, sinnieren gewissenlose deutsche Medien immer noch darüber, dass Russland viel zu wenig bestraft wurde...

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