Spiegel

Donath statt Hirn

Klaus-Helge Donath, ein Veteran des Russlandhetz-Geschäfts, hing heute mit seinem Kommentar "Eine Niederlage für die Russlandversteher" lange ganz oben bei Spiegel Online. Seine Artikel glänzen zwar sonst auch nicht durch besondere Logik und Weisheit, doch dieses Mal hat er auch das Niveau eines Homer Simpson unterboten. Der analytische Wert ist gleich Null, die Denkmuster aus den Fingern gesaugt und die Beweise lassen auf sich warten. Thema heute: der Nato-Gipfel in Bucharest und die Verschiebung der Einladung für die Ukraine und Georgien. Darin geißelt er neben gewöhnlichen verächtlichen Russland-Sprüchen vor allem den Außenminister Steinmeier, der russische Besorgnisse seiner Meinung nach zu ernst nimmt, weil er "russischen Erpressungen erlegen" ist. Russland soll, wenn man Donath richtig interpretiert, immer weiter eingekreist und mißachtet werden.Nimmt man die einzelnen Aussagen, so überraschen sie durch geistige Tieffliegerei. Nur auf Walter Steinmeier kann sich der scheidende Kremlchef als zusätzlichen Verbündeten noch stützen. Ups, da hat Donut wohl übersehen, dass auch Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande die Ukraine und Georgien nicht in der NATO haben wollen. Recherchefehler oder bewusste Manipulation? Putins außenpolitische Bilanz seit Amtsübernahme 2000 sieht eher bescheiden aus. Mit 11 von 17 Anrainerstaaten unterhält Russland gespannte Beziehungen. Abgesehen davon, dass ich bei Anrainerstaaten beim besten Willen nicht auf die Zahl 17 komme, komme ich bei gespannten Beziehungen bestenfalls auf 6: drei baltische Staaten, Polen, Ukraine und Georgien. Da war wohl eher der Wunsch der Vater des Gedanken. Außerdem ist erfolgreiche Politik wohl nicht dadurch gekennzeichnet, wie vielen drum herum man gefällt, sondern dadurch, wie effektiv man seine Interessen und seine Prinzipien durchsetzt. Wenn Russland bei den baltischen SS-Huldigern im Staatsapparat oder den ukrainischen Nationalisten beliebt wäre, müsste man sich um so ein Russland große Sorgen machen. Das erklärt, warum Georgien und die Ukraine Annäherung an den Westen und Sicherheitsgarantien suchen. In der Ukraine wünschen sich laut Umfragen gerade mal 19% der Bevölkerung den Beitritt zur Nato, was Donut gern auslässt. Die Regierung kocht dabei ihr eigenes listiges Süppchen. Doch das zeigt allemal, wie daneben unser "Experte" mit seinen Argumentationsketten liegt. Die bunten Revolutionen in Georgien (2003) und in der Ukraine (2004) fügten schließlich noch die Gewissheit hinzu, dass auch das autoritäre Herrschaftsmodell, wofür der Kreml unter Putin wieder steht, bei den Nachbarn als Auslaufmodell gehandelt wird. Peinlich, peinlich, die Demagogie. Ausgerechnet ein Georgien, in dem Zehntausende von Demonstranten niedergeknüppelt werden, wo Präsidentschaftskandidaten unter mysteriösen Umständen sterben und Medien gegängelt werden, ist natürlich ein tolles Beispiel für anti-autoritäre Tendenzen (hier mal ein Bericht von Amnesty International). Oder aber die zutiefst gespaltene Ukraine. Überdies fürchtet der Kreml, die Nato könnte über kurz oder lang als politisches Bündnis die Rolle der Vereinten Nationen ersetzen. Jetzt bliebe nur noch zu klären, was an dieser Position des Kremls illegitim ist. Die UNO ist im Gegensatz zur Nato eine allseits legitimierte globale Vertretung, während die Nato ein enger Club "fetter Kater" ist, der sich zur letzten Instanz in der Geopolitik aufschwingen will. In Bukarest werden die Nato-Anwärter wohl erst einmal vertröstet werden. Moskau darf dies als Sieg verbuchen. Für Nato, EU und den Westen kommt dies einer Niederlage gleich. Also was jetzt? Gerade eben war es noch eine Niederlage der Russland-Versteher. Der Donut hat wohl selbst keinen Überblick mehr über seinen chaotischen Artikel. Nachgeben, Kompromisssuche sind im russischen Verständnis eher Zeichen von Schwäche und Ausdruck europäischer Dekadenz. Sowas weckt bei mir irgendwie Assoziationen mit Goebbels und der Nazi-Ideologie, dass "der russische Untermensch nur die Sprache der Stärke versteht". Moskau spürt Gegenwind aus Washington und London, dem es auf Dauer nicht gewachsen ist. Die undemokratische Nachfolgeregelung im Kreml ist dort nicht einfach ad acta gelegt worden. Ich bitte Sie, Herr Donut. Was Washington und London denken, hat Null Einfluss auf Russland und kümmert die Menschen dort mittlerweile recht wenig. Die Machthebel der Angelsachsen in Russland wurden beschnitten. Auch Russland hat heute kaum Einfluss auf Vorgänge wie z.B. den Aufbau der Raketenabwehr. Aber auch ein russisches "Wohlverhalten" ändert an langfristigen Digger-Strategien der Angelsachsen gar nichts, wie die Neunziger gezeigt haben. Insofern braucht sich Russland heute zumindest nicht einschränken. Vielleicht hält der Donut auch seine eigenen Artikel als ernsten "Gegenwind" für Moskau? Hinter den Kreml-Mauern herrscht Hochstimmung, dort freut man sich über die gutgläubige Appeasement-Politik Walter Steinmeiers, des Russlandverstehers. Das bedeutet aber nicht, dass man ihn und Berlin auch achtet. Ich liebe diese Floskeln, erst recht wenn sich der Autor nicht die Mühe macht, auch nur ein Beispiel zu nennen, worin Russland Deutschland "nicht achtet". Russische Bürokraten, Politiker und Geschäftsleute, die einen diplomatischen Feldzug gegen London führen, erhalten nur noch kurzfristige Visa. Das zeigt Wirkung bei der russischen Elite. Selten so gelacht. Man könnte denken, ein britisches Visum wäre für jeden Russen der ultimative Traum. Arroganz wie eh und je. Die unappetitliche Melange aus historischer Scham wegen deutscher Kriegsverbrechen und aus Prinzipienlosigkeit der deutschen Wirtschaft, die im Namen des Profits die autoritär mafiösen Entwicklungen gerne übersieht, stärkt nicht das deutsche Ansehen in Moskau. Hiermit wird eindeutig der Tiefpunkt erreicht. Ob Donut dazu aufruft, die deutschen Kriegsverbrechen zu ignorieren oder ob er tatsächlich meint, die Deutschen seien die einzigen, die Geschäfte mit Russland machen, er muss sich in jedem Fall Zynismus und Realitätsverlust vorwerfen lassen. Die "prinzipientreuen" Briten investierten in Russland 2007 übrigens weitaus mehr, als die Deutschen. Ein Donut braucht aber all diese unapettitlichen Nebensachen nicht zu berücksichtigen.Soweit ein kleiner Ausflug in die tägliche Hetzpraxis der führenden Medien...

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