Turka

Ich sagte einen Satz und merkte: DER ist nicht von mir.

Dieser Satz ist schon einmal geschrieben wurden, - aber wo genau steht er?

Die ganze Geschichte geht so:

Früher als ich noch ein normaler Deutscher war, trank ich Kaffee wie viele Deutsche hierzulande: Mit Filtertüten oder "polnisch" aufgebrüht. Doch im Laufe meines Lebens gesellte sich Lena an meine Seite.

Lena ist aus der Ukraine und dort legt man viel Wert auf Essen und Trinken, - insbesondere aufs Kaffeetrinken. Und eigens für das Kaffeetrinken schafften wir uns ein Gerät an, welches dorzulande "Dsheswa" oder "Turka" genannt wird. Der Kaffee wird hiermit gemeinsam mit Wasser aufgebrüht und kann sich dadurch voll entfalten.

Zugegeben: Es dauerte eine Zeit bis ich merkte, dass das gut ist.

Doch nun - dergestalt geläutert - kann ich sagen: Es gibt nur sehr wenige und sehr teure Kaffeemaschinen, bei denen der produzierte Kaffee an unser gebrühtes Niveau herankommt.

Gegenwärtig ist meine Tochter bei uns zu Besuch. "Euer Kaffee schmeckt mir nicht", - sagt sie und bittet um einen Aufguß, - also einfach nur Kaffeepulver in eine Tasse geschüttet und heißes Wasser darüber gegossen. "Das schmeckt mir so besser."

Na toll!

Aber Tochter bleibt Tochter, - soll sie kriegen, was sie haben will...

Auf Lenas entsetzten Gesichtsausdruck reagiere ich mit den Worten "die Fähigkeit des Genusses ist Bedingung für denselben" und weiß sofort: Dieser Satz ist nicht von mir, - der ist von Karl Marx!

Mir fiel auch noch ein, dass er in den "Grundrissen" gestanden haben könnte und - wieso mir DAS eingefallen ist, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben - dass die letzte Ziffer der Seitenzahl der 1953er Ausgabe der "Grundrisse" eine "9" war.

"Stimmt das überhaupt?", - überlege ich nun und fange an, zu kramen. Wie kann man sich - sollte es stimmen - die letzte Ziffer der Seitenzahl - also die "9" - merken? Wenn man darüber hinaus wissen kann, dass ich dieses Buch seit 1989 (vielleicht sogar seit 1984) definitiv nicht mehr in der Hand hielt?

Ich gucke zuerst auf Seite 89. Aber hier steht nur das altbekannte Zeit-Zitat ("...je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. zu produzieren... desto mehr gewinnt sie zu anderer Produktion...") und mir fällt ergänzend ein: Die Seitenzahl des gesuchten Zitates müsste dreistellig sein.

Nun versuche ich es mit der Versuch-Irrtum-Methode und schlage aufs geradewohl Seite 179 auf.

Doch Fehlanzeige. Hier steht eine Abhandlung über "Produktionsprozeß. Gebrauchs- und Tauschwert." Und ohne persönliche Anmerkungen.

"Aha", - denke ich nun: "wenn DAS in den Hundertsiebzigern steht, dann kann jenes was ich suche, nur hinter den dreihunderter Seiten sein, denn - fällt mir nun ein - in den dreihunderter Seiten ist die "Ursprüngliche Akkumulation" abgehandelt. Und es müsste vor den siebenhunderter Seiten stehen, denn - ich staune was mir noch so alles einfällt - dort steht eine Abhandlung über "Vermögen", "Kapital" und "Zins". Wozu das Zitat - auch klar - nie passsen würde.

Wie ein Tatort-Kommissar kreise ich die gruppe der verdächtigen Seiten ein. Bis ich schließlich fündig werde.

Auf Seite 599 ( = dreistellig + 9 am Ende) steht:

" ... Also keineswegs Entsagen von Genuß, sondern entwickeln von power, von Fähigkeiten zur Produktion und daher sowohl der Fähigkeiten, wie der Mittel des Genusses. Die Fähigkeit des Genusses ist Bedingung für denselben, also erstes Mittel desselben und diese Fähigkeit ist Entwicklung einer individuellen Anlage, Produktivkraft. Die Ersparung von Arbeitszeit gleich Vermehren der freien Zeit, d.h. Zeit für die Entwicklung des Individuums, die selbst wieder als die größte Produktivkraft zurückwirkt auf die Produktivkraft der Arbeit. Sie kann vom Stand...." - na und so weiter.

Nun bin ich beruhigt - ich habs gefunden! - und mache das Buch zu.

Inhalt abgleichen

Wer ist online

Zur Zeit sind 0 Benutzer und 4 Gäste online.

Suchbegrife für Internet-Seite