Wenn Netzaktivismus zur Lachnummer verkommt
Gegenöffentlichkeit, Graswurzelaktivismus, Netzaktivismus – große Worte für eine große Sache. Leider gehen diejenigen, die von einer großen, gemeinsamen Sache sprechen, doch nur allzu oft ihrer kleinen, eigenen Sache nach. Abseits medientheoretischer Elogen, ist das Web 2.0 doch oft nichts anderes als eine sehr große Kneipe, in der über verschiedene Sachen diskutiert wird. Da gibt es die Idealisten, denen es um die Sache geht, da gibt es die „Zukurzgekommenen“, die sich freuen, wenn ihnen auch mal jemand zuhört und da gibt es die Selbstdarsteller, die immer im Mittelpunkt stehen wollen, und denen es eigentlich egal ist, mit welchen Aussagen sie die Blicke der Anderen auf sich ziehen. Diese Bloggerunterart kennt sich meist sehr gut im „SEO-Bereich“ aus, schaut mehrfach am Tag auf diverse Rankings und macht eine Flasche Sekt auf, wenn es mal einen Backlink von einem reichweitenstarken Medium gibt.
Kasperletheater
Jedem Tierchen sein Pläsierchen – ärgerlich wird es hingegen immer dann, wenn solche Selbstdarsteller arglose Kollegen täuschen, denen es um die Sache geht. So geschehen im Falle „Piratenweib“. Die Bloggerin Gudrun Habersetzer, die sich manchmal auch Gudrun Debus nennt und das Blog „Piratenweib“ betreibt, ist Stammlesern des Spiegelfechters sicherlich ein Begriff, war sie es doch, die ihrer Kollegin und „Mitfeministin“ Ines Fritz seinerzeit lautstark sekundierte, als diese den Spiegelfechter mit der Androhung von Rechtsmitteln zwang, einen Gastartikel, den ich von ihr veröffentlicht habe, inklusive kritischer Kommentare zu löschen. Diese Löschwut hat System – auch in anderen Blogs fordern die selbsternannten FreiheitskämpferInnen die Blogbetreiber häufiger schon mal auf, missliebige Kommentare zu löschen. In ihren eigenen Blogs werden kritische Kommentare erst gar nicht freigeschaltet. So etwas lässt einen altgefahrenen Blogger, der weiß, dass das Netz eine magische Anziehung auf skurrile Wesen ausübt, natürlich kalt. Wer nicht durch Argumente bestechen kann, der versucht sich halt durch Löschaktionen ans rettende Ufer der Belanglosigkeit schleppen.
Weib 2.0
Vollends abstrus wird derlei „Bloggen“ allerdings, wenn man Kollegen kostenpflichtig abmahnt, die – ohne kommerzielle Interessen – Inhalte auf Wunsch weiterverbreiten. Frau Habersetzer hatte eine nette Idee. Sie verfasste einen offenen Brief an die Bundesregierung, in dem sie den Politikern ein vernichtendes Arbeitszeugnis ausstellte und sie zum Rücktritt aufrief. Sieht man von den unzähligen Schreibfehlern ab, so hätte dieses kleine, spaßige Stück durchaus Unterhaltungswert. So dachten auch einige Blogger und Netzaktivisten. Mitglieder der Piratenpartei Thüringen setzten den Text als Petition auf eine eigene Seite. Das Netz liebt(!) Petitionen, auch diese – natürlich komplett sinnfreie – Unterschriftensammlung wurde schon über 16.000 mal gezeichnet. Einige Blogger und Forenbetreiber verbreiteten den Text in guter Absicht weiter, um auch ihre Leser auf diese Aktion aufmerksam zu machen. Nur vergaßen sie – törichterweise – einen Link auf die Seite von Frau Habersetzer zu setzen, so wie sie es in ihren CC-Lizenzbedingungen vorschreibt.
Ein großer Fehler, aber das konnten die armen Blogger ja nicht wissen, dachten sie doch – törichterweise –, es ginge um die große gemeinsame Sache. Dem Piratenweib ging es jedoch, nachdem sie das Potential ihrer Idee entdeckte, nur noch um Traffic. Alle Fäden sollten doch bitte auf ihrem Blog zusammenlaufen, schließlich war dies doch ihr großer Auftritt, für den sie so lange – relativ erfolglos – gearbeitet hat. So etwas wurmt den bloggenden Selbstdarsteller natürlich ungemein. Zunächst forderte sie den Blog „Schockwellenreiter“, der lediglich einen Link auf den „Petitionstext“ gesetzt hatte, in geharnischtem Ton auf, die Urheberin des Textes zu verlinken (was vom Blogger mit einem souveränen „LMA“ abgebügelt wurde), dann ließ Frau Habersetzer durch Herrn Habersetzer kostenpflichtige Abmahnungen an die Blogger verschicken, die – törichterweise – keinen Link auf das Piratenweib gesetzt hatten. 60 Euro sollen die Blogger nun an Schadensersatz zahlen und den Arbeitsaufwand von Herrn Habersetzer zusätzlich mit 100 Euro vergüten. Ob Herr Habersetzer überhaupt Volljurist ist und kostenpflichtge Abmahnungen verfassen darf, ist unbekannt, aber wenig wahrscheinlich.
Wieviele Blogger diese abstruse Abmahnung erhalten haben, ist nicht bekannt. Der Kollege Frank Kopperschläger hat mindestens vier Opfer ausfindig gemacht. Ein Opfer ist der gemeinnützige Arbeitslosenverein Tacheles e.V..
Was haben die „bösen Burschen“ eigentlich gemacht? Sie haben eine Petition weiterverbreitet, die von Frau Habersetzer verfasst und zur Verbreitung angeregt wurde. Dafür werden sie nun von ihr abgemahnt – so wird Netzaktivismus zur Lachnummer. Nun ist Frau Habersetzer in Kleinbloggersdorf natürlich unten durch – Netzpolitik, der Schockwellenreiter und F!XMBR haben sich bereits hämisch über die abmahnungswütige Piratin amüsiert. Mich amüsiert dies auch und darum möchte ich diese „Affaire de balourdise“ auch meinen Lesern nicht vorenthalten, obgleich dieses Thema natürlich keine besondere Relevanz hat.
Paradoxerweise hat die Piratenbraut mit ihrer Abmahnaktion genau das erreicht, was sie wollte – Aufmerksamkeit, Backlinks und jede Menge Leser. Lassen wir sie ihre zweifelhaften 15 minutes of fame genießen. Auch „bad news“ sind für Selbstdarsteller „good news“.
Mit einem Schmunzeln, Euer Spiegelfechter Jens Berger
© Spiegelfechter für den Spiegelfechter, 2010. |
Permalink |
205 Kommentare |
Kommentar hinzufügen